„Liebes Tagebuch, heute war es wieder richtig schlimm. Als ich vom Schulhof runter bin, standen die anderen schon da. Ich hab versucht sie zu ignorieren. Bin ganz schnell gelaufen, ohne hoch zu schauen. Aber sie sind immer schneller als ich. Dann das Übliche: Schubsen von hinten, gemeine Sprüche. Dass ich dick und hässlich bin, weiß ich auch selbst. Jetzt aber wollen sie meiner Oma sagen, was für ein Loser ich mit meinen schlechten Noten bin. Wenn sie das machen, kann ich da auch nicht mehr hin. Auch Oma wird ihnen glauben und nicht mir. Sie wird so enttäuscht sein.“
Als es klopft, versteckt Tina das Tagebuch hastig unter dem Bett. Niemand soll das lesen. Ihre Mutter steht in der Tür und fragt, ob alles in Ordnung sei. Wie es in der Schule laufe und ob sie nicht sich mal eine Freundin besuchen wolle. Tina beantwortet alles mit einem knappen: Ja. Schnell hat sie gemerkt, dass ihre Eltern sie nicht verstehen. Das wird schon wieder, tröstet die Mutter. Du musst dich einfach mal wehren, sagt der Vater. Doch das hilft ihr nichts. Die Neue in Tinas Klasse hat in Windeseile alle auf ihre Seite gezogen. Sie erzählt Lügen über Tina, treibt Keile zwischen sie und ihre Freundinnen. Niemand glaubt ihr mehr. Die Lehrer sind auch keine Hilfe. Die Neue soll das mal lassen, sagen sie. Und Tina soll sich mehr anstrengen, sonst wird das nichts mit der zehnten Klasse. Aber Tina kann sich nicht konzentrieren. Den ganzen Tag beherrscht sie diese Angst. Die Angst vor Lästereien, Schubsereien, Lügen und Demütigungen. Das Einzige, was ihr noch bleibt, sind das Essen und ihr Tagebuch.
Mobbing ist, wenn ein Mensch über einen längeren Zeitraum von einer oder mehreren Personen gezielt schikaniert wird. Das sind nicht die üblichen Rangeleien unter Kindern, kein harmloses Necken unter Jugendlichen. Wenn Kinder und Jugendliche solche Situationen wie Tina erleben, leiden nicht nur die schulische Leistung, sondern oft der ganze Alltag. Mobbing macht körperlich und seelisch krank. Oft übersehen Eltern oder Lehrer diese Gefahr oder stehen ihr hilflos gegenüber.
Umso wichtigster ist es, für die Kinder und Jugendlichen da zu sein, ihnen zu glauben. Einer trage des anderen Last, steht schon in der Bibel. Wenn jemand mitträgt, muss man nicht alles alleine ertragen. Dass jemand bleibt, auch wenn es schwer auszuhalten ist, ist der Anfang dafür, dass ein Mensch nicht mehr unsichtbar bleibt. Dass ein Kind wieder glauben kann: Ich bin nicht das Problem. Mit vereinten Kräften, kann das Leben wieder leichter und lebenswert werden – Gott sei Dank.