Das Telefon hat noch gar nicht richtig geklingelt, da hat sie schon abgenommen. Es ist Nina. Den ganzen Tag hat sie auf diesen Anruf gewartet. Sie wollte Bescheid geben, wann sie heute Abend vorbeikommt. Es steht schon alles bereit für Ninas Lieblingsessen: gebratener Lachs mit Erbspüree.
Doch als Nina am anderen Ende der Leitung anfängt zu drucksen, ist schon klar, dass sie eine Absage erhält. „Ach Süße“, hört sie Nina sagen: „Ich bin heute endlich mal alleine. Horst ist mit den Kindern zu seinen Eltern gefahren. Ich will die Ruhe genießen, das verstehst du doch sicher. Wir waren doch gestern unterwegs und sehen uns ganz sicher am Wochenende.“ Weiter hört sie gar nicht mehr zu. Sie flötet ein gezwungenes: „Ja klar, kein Problem“ und legt auf.
Die Worte ihrer besten und zugegeben fast einzigen Freundin hallen in ihr nach: „Das verstehst du doch sicher.“ Nein, eigentlich versteht sie das gar nicht. Matt räumt sie den Lachs und die Erbsen zurück in den Kühlschrank. Sie hat keinen Hunger mehr und lässt sich auf die Couch fallen, auf der sie wohl wieder den Abend verbringen wird. Sie ist immer allein. Es gibt keinen Horst, keine Kinder und inzwischen auch keine Eltern mehr. Ihr Vater ist an Krebs gestorben und ihre Mutter dement.
Instinktiv greift sie zum Handy und beginnt zu Scrollen. Denn wenn sie sich nicht sofort ablenkt, kommen sie wieder, die kreisenden Gedanken: Warum sie? Was hat sie an sich, dass sie so allein ist, so einsam? Nein, sie hat es sich nicht ausgesucht und doch haftet sie ihr an wie ein Makel diese Einsamkeit.
Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. Vielen Menschen in unserer Stadt, unserer Straße, unserem Haus geht es so. Einer Untersuchung zufolge, fühlt sich rund jeder dritte Erwachsene zeitweise einsam, knapp jeder fünfte sogar stark. Sehr oft sind besonders junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren betroffen: Über die Hälfte gibt an, sich moderat oder stark einsam zu fühlen.
Einsamkeit sieht man den Menschen nicht an und doch hinterlässt sie Spuren. Sogar in der Bibel finden wir Geschichten darüber. Sie erzählen davon, dass Gott dennoch da ist. Das zeigt sich meist darin, dass sich Menschen begegnen. Vielleicht können wir heute quasi auf göttlicher Mission etwas mehr aufeinander achten, uns ein Lächeln schenken, einen Gruß aussprechen. Das löst die Einsamkeit zwar nicht auf. Aber es bewirkt, dass jemand sich für einen Moment weniger allein fühlt.