Für manche Menschen ist das Glas einfach immer halb voll. Ich finde das beeindruckend. Denn bei vielen ist es ja genau andersrum.
Im christlichen Glauben scheint das ähnlich zu sein. Auch bei Christen ist das Glas mal halb voll oder mal halb leer. Das liegt eben im Auge des Betrachters. Für Paul Gerhardt war es – klar – halbvoll. Paul Gerhardt hat geglaubt, dass das Festhalten an Jesus Christus, das Vertrauen auf ihn, durchs Leben tragen. Trotz Leid und Schicksalsschlägen, die er durch Krieg, Krankheit und Tod um sich herum und in der eigenen Familie ertragen und hinnehmen musste. Die Erkenntnis, dass er Frau und Kinder vor allem nicht schützen konnte, muss zerschmetternd gewesen sein. Aber dabei trotzdem die Erfahrung zu machen: Ich bin in dieser Not nicht alleine. Davon erzählen seine Lieder. Ich mag dieses hier sehr… auch wenn seine Sprache etwas betagt ist: Befiehl du deine Wege / und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn / der wird auch Wege finden / da dein Fuß gehen kann. Und da klingt wieder beides raus: Das Glas ist halb leer und trotzdem halb voll. Paul Gerhardt hat die Not nicht ausgeblendet. Aber er hat sie verarbeitet. In seinen Texten. In seinem Glauben. Seine Strategie: Nicht schweigend verbittern. Sondern raus damit. Im Texten, im Singen und Beten. Und in Gemeinschaft. Das macht mega Eindruck auf mich. Denn ich erlebe heute zu viele Menschen, die in ihrer Not bei SICH bleiben. Zu wenig rauslassen. Und wenn, dann ist das Glas halb oder oft auch gleich komplett leer. ALLES schrecklich. ALLES sinnlos.
Aber genau dann nicht bei mir selber zu bleiben, sondern mich auch mal zu ver-lassen. Auf einen anderen verlassen, dass der das aushält. Dass der MICH aushält. Dass der mich nicht auslacht, wenn ich meine Not klage. Und mich darauf verlassen, dass schon das Aussprechen und Klagen selbst etwas verändern wird. Und zwar zum Positiven. In seinen Liedern und Texten hat Paul Gerhardt sich selbst verlassen. Er ist aus sich rausgekommen. Ein Willensakt UND ein Glaubensakt. Ich wünsch mir mehr davon: mehr halbvolles Leben, mehr Vertrauen für uns als Gesellschaft: Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn / der wird auch Wege finden / da dein Fuß gehen kann.