Ein blühendes Feld mit einer Vielzahl von bunten Blumen, darunter rote, rosa und violette Blüten. Sanftes, helles Licht strahlt im Hintergrund, während das hohe Gras die Farben der Blumen umrahmt. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Frische und Natur.
18.05
2026
06:50
Uhr

Sollt' ich meinem Gott nicht singen

Ich singe selten unter der Dusche. Manchmal tanze ich morgens in der Küche - an Tagen, wo mir danach ist und wenn ich allein bin. Das passiert nicht oft. Zur morgendlichen Müdigkeit gesellt sich die Müdigkeit der Seele. Spätestens dann, wenn die Nachrichten laufen. Wenig Grund zum Tanzen dann. Aber wenn der Sinn mir danach steht, zu Singen oder wenigstens eine Melodie vor mich Hinzusummen – die bescheidenere und unauffällige Vorstufe zum Singen – dann sind es tatsächlich oft Lieder von Paul Gerhardt. Je nach Jahreszeit – je nach Gemütslage.

Paul Gerhardt: geboren in einer kleinen Stadt in Thüringen – Student und Hauslehrer in Wittenberg, später dann Pfarrer an der Nikolaikirche im Berliner Scheunenviertel im Herzen der Stadt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Lübben im Spreewald. Alles Orte, die mir lieb und vertraut sind. Allein das schafft Nähe und Vertrautheit irgendwie. Vor allem aber sind es seine Texte und – natürlich: die dazugehörigen Melodien. Die stammen nicht von ihm, sondern sind ganz oft das Ergebnis einer kongenialen Partnerschaft: mit Johann Crüger zum Beispiel, der zur selben Zeit wie Gerhardt Organist und Kantor an der Nicolaikirche wirkte. Ein Dram-Team also.

Vor 350 Jahren starb Paul Gerhardt. Last und Freuden seines Lebens hat er einfach weggedichtet und damit Lasten leichter und die Freude größer und lauter gemacht. Berührend und sinnlich sind die meisten seiner Lieder, getragen von wunderbaren und vor allem singbaren Melodien. Mein Lieblingslied:

„Sollt ich meinem Gott nicht singen / sollt ich ihm nicht dankbar sein / denn ich seh in allen Dingen / wie so gut er`s mit mir meint …“ eine Melodie, die Beine macht, dazu ein Text mit starkem Schluss, der mir die nötige Portion Gelassenheit und Zuversicht gibt, die es in einer Welt wie dieser braucht. Ich singe meine Dankbarkeit: für das, was ich habe, die Lust am Leben, am Mai da draußen. Und ich singe, dass alles, was sorgt und bedrängt und mich manchmal auch verzweifeln lässt – am Ende begrenzt ist von etwas viel, viel Größerem: Da heißt es am Ende in einem Lied: „Alles Ding währt seine Zeit /Gottes Lieb in Ewigkeit“ – ich starte in jeden Tag als geliebtes, großes Kind Gottes. Vergiss das nie!