Mich beeindrucken Menschen, die schon kurz nach dem Aufwachen schon wirklich wach sind. Es gibt da ja solche und solche. Eben diejenigen, die erst nach dem ersten Kaffee ansprechbar sind und eben jene, die vor dem ersten Kaffee bereits ihr halbes Tagwerk erledigt haben.
Ich bewege mich meistens irgendwo dazwischen. Die ersten Pläne und Aufgaben schwirren schon im Kopf, aber erst nach dem Frühstück kann ich so richtig tatkräftig werden.
Paul Gerhardt, der dichtende Theologe aus dem 17. Jahrhundert, lebte in einer Zeit, in der nur wenige Menschen nach dem Aufwachen voller Freude ans (meistens schwere) Tagwerk gingen. Umso erstaunlicher, dass er den Menschen seiner Zeit ein glaubensstarkes Morgenlied schrieb, mit dem man singend und dankend in den Tag starten konnte – und sollte. Lange dachte ich: So beginnt den Tag wohl nur jemand, der keine großen Sorgen kennt.
Aber weit gefehlt, vielleicht ist doch das Gegenteil der Fall. Dieser Gedanke kam mir, als ich neulich eine hochbetagte Dame besuchte. Sie war von allerlei Altersbeschwerden geplagt, zudem vom Alleinleben, vom Erschrecken über die gegenwärtigen Krisen in der Welt, von der Sorge um die Zukunft der UrEnkelkinder. Soweit, so normal, dachte ich beim Zuhören.
Und dann erzählte sie, dass sie jeden Abend voller Dank für den Tag ins Bett gehen würde. Sie schläft immer ein mit einem Gebet auf den Lippen und im Herzen. Und jetzt kam das Erstaunliche: sie wacht auch mit diesem Dank auf. Bevor sie aufstehe, erzählte sie, würde sie erst einmal beten und Gott danken, für die Nacht und fürs Erwachen und für den neuen Morgen.
Genau wie jener Paul Gerhardt. Von beiden, also vom Liederdichter des 17. Jahrhunderts und von der 90jährigen Dame kann ich wohl noch so einiges lernen. Dankbarkeit muss nicht warten, bis alle Sorgen verschwunden sind. Sie kann der erste Gedanke des Tages sein. Ich fang mal damit an, dass ich Strophe 7 von Gerhardt Chorals „Lobet den Herren“ an den Anfang meines Tages heute stelle.
Gib, dass wir heute, / Herr, durch dein Geleite
auf unsern Wegen unverhindert gehen
und überall in deiner Gnade stehen. / Lobet den Herren!