Eine fast leere Straße mit einer Fahrradspur, die durch weiße Markierungen auf dem Asphalt gekennzeichnet ist. Auf der linken Seite stehen weiße Pflöcke, und im Hintergrund ist eine Allee mit Bäumen zu sehen. Am Straßenrand sind parkende Autos sichtbar.
27.04
2026
06:50
Uhr

Der Balken im eigenen Auge

Wenn Ärger blind macht

Ein Beitrag von Mario Junglas

Schon an der roten Ampel sehe ich den Taxifahrer, der mit seinem Fahrzeug quer den Fahrradweg blockiert. Alle Radlerinnen müssen gefährlich auf die Fahrbahn oder den Gehweg ausweichen. In hilfloser Wut schlägt ein Radler mit der Faust beim Vorbeifahren auf den Kofferraum. Entsprechend gelaunt komme ich mit meinem Rad am Taxi an. „Na,“ rufe ich dem Fahrer zu, „ist Ihnen die Straße nicht breit genug?“ – „Halt`s Maul“, antwortet er. Wir tauschen Schimpfworte aus, die ich hier nicht wiederholen möchte.

Eigentlich müsste ich erfrischt davon fahren. Ich habe den Taxifahrer auf sein Fehlverhalten aufmerksam und meinem Herzen Luft gemacht. Doch bei mir bleibt ein übler Geschmack zurück. „Wer sich ärgert, leidet für die Fehler anderer,“ sagt der Volksmund. 

Schlimmer noch, mir fällt mein eigenes Verkehrsverhalten ein. Wenn ich mal eben schnell mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahre, weil ich es ja so furchtbar eilig habe, dann bin ich froh, wenn mich kein Fußgänger berechtigterweise anmacht und hinterher ruft: „Der Bürgersteig ist keine Rennbahn.“ Oder wenn ich ganz kurz gegen die Einbahnstraße fahre, weil ich sonst den ganzen Block umrunden muss, dann ist das nicht nur regelwidrig, sondern im Einzelfall sogar gefährlich. Natürlich habe ich für mein Verhalten einige handfeste Entschuldigungen, ich habe wenig Zeit und will Umwege vermeiden. Für den Taxifahrer sind mir allerdings keine Entschuldigungen eingefallen.

Dafür fällt mir ein passendes Bibelwort ein. Jesus sagt bei einer solchen Gelegenheit: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Dieses Wort trifft mich. Tatsächlich habe ich genug damit zu tun, mein eigenes Verhalten zu korrigieren, bevor ich andere kritisiere. Das rechtfertigt nicht den Taxifahrer. Aber statt auf andere wütend zu sein, sollte ich besser an meinen eigenen Schwächen arbeiten.