Drei stilisierte Figuren sitzen nebeneinander. Die linke Figur hält sich die Augen zu, die mittlere die Ohren und die rechte Figur hat die Hände vor dem Mund. Die Anordnung symbolisiert die Redewendung „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“.
28.04
2026
06:50
Uhr

Die Verantwortung der Schweigenden

Stille Mitschuld: Wenn Schweigen mehr schadet als Worte

Ein Beitrag von Mario Junglas

Manche Bilder der Herren Trump und Putin gleichen sich. Oft haben sie Menschen um sich, die ihnen durch Nicken und Lächeln oder einfach durch ihre Gegenwart stumm zustimmen. Und so auch fragwürdige Entscheidungen ohne Worte unterstützen. 

Die Bibel kennt eine ähnliche Situation: König Herodes lädt zu seinem Geburtstag die Vornehmen seines Landes ein. Vor dieser Gesellschaft tanzt seine Stieftochter Salome so verführerisch, dass ihr der König begeistert einen Wunsch gewährt. Angestiftet von ihrer Mutter fordert das Mädchen den Kopf des Propheten Johannes. Johannes sitzt im Kerker. Er hat den König dafür kritisiert, dass er seine Schwägerin heiratete. Das hat ihm den Hass der Frau und den Ärger des Königs eingebracht. 

Herodes sitzt in der Falle. Er hat den Johannes zwar inhaftiert. Zugleich schätzt er ihn als Gesprächspartner und hat Respekt vor ihm. Aber er hat öffentlich ein Versprechen gegeben, an das er nun mit seinem Königswort gebunden ist. Am Ende lässt Herodes den Johannes hinrichten.

Alle machen sich schuldig: Die rachsüchtige Frau, die willfährige Tochter, der mächtige, zugleich großspurige und schwache König. 
Und da ist noch die stumme Festgesellschaft. Sie hält den Mund. Johannes zu verteidigen wäre gefährlich gewesen. Der Prophet war ein Staatsfeind, mit dem sich niemand solidarisiert. Schweigend machen sich die Gäste zu stummen Unterstützern und mitschuldig. Ich kenne selbst solche Situationen, in denen ich eigentlich etwas sagen müsste. Doch ich schweige und unterstütze so eine abwegige Meinung. 
Vielleicht hätten die Gäste des Herodes eine Alternative gehabt. Sie hätten dem König zum Beispiel zeigen können, dass sie ihm keinen Wortbruch vorwerfen, wenn er den unsinnigen Wunsch des Mädchens zurückweist. Sie hätten so dem König einen Ausweg angeboten, ohne sich selbst zu gefährden.

Zweierlei sagt mir diese biblische Geschichte: Nicht nur die Herrschenden machen sich schuldig, sondern auch die stummen Unterstützer. Und deren Möglichkeiten sind keineswegs so begrenzt, wie es manchmal den Anschein hat.