„Ich kann nicht mehr beten“, schreibt mir ein Freund. „Besonders das Vater unser fällt mir schwer. Unser Vater im Himmel – was ist das für ein Himmel, aus dem täglich Bomben und Drohnen auf Unschuldige herabschießen? Wenn ich mir die militärischen und politischen Ereignisse ansehe, wie soll ich da beten `Dein Reich komme, Dein Wille geschehe´ – das passt nicht mehr zur Realität. Und alles in allem: Beten ändert auch nichts.“
Ich kann die Erfahrungen meines Freundes nicht relativieren oder weginterpretieren. Zugleich gibt es vielleicht Hinweise, die einen zusätzlichen Blick ermöglichen. Für mich ist zum Beispiel fast selbstverständlich, dass mein Beten im Widerspruch zur Wirklichkeit steht. Außer bei Dank- und Lobpreisgebeten ist es gerade typisch, dass mein Gebet nicht mit der aktuellen Situation übereinstimmt. In Bittgebeten, auch bei Klagen und Hilferufen strebe ich ja gerade eine Veränderung der Lage an. Das Schwere, das ich erfahre, ist weniger ein Widerspruch zu meinem Gebet als vielmehr oft der Grund für mein Beten. Vielleicht ist es für Betende geradezu typisch, dass sie sich nicht mit dem abfinden, was sie vorfinden – sondern dagegen anbeten.
Und ändert sich wirklich nichts? Nein, der Krieg hört nicht morgen auf, wenn ich heute bete. Und Gott ist kein Automatismus, in den ich oben ein Gebet einwerfe und unten kommt die Erfüllung heraus. In manchen Fällen ist das vielleicht gut so. Der heilige Thomas von Aquin sagt einmal: Gott gibt uns, worum wir ihn bitten – oder etwas Besseres. Das ist für mich keine Ausrede, sondern ein Hinweis, dass Gott in jedem Fall das Gute für den Beter will, selbst wenn ein schräger Gebetswunsch in die Irre führt.
Und vielleicht hat sich längst etwas geändert durch das Beten. Ich frage mich, wie unsere Welt aussähe ohne die Millionen Beterinnen und Beter. Ich glaube nicht, dass sie dann eine bessere, heilere Welt wäre. Ich fürchte vielmehr, sie wäre um viele Hoffnungen und Taten ärmer. Denn oft ist das Gebet ein Schritt zur verändernden Tat.