Heute ist der Internationale Tag zur Beseitigung der Armut. Ins Leben gerufen wurde er 1987 von Pater Joseph Wresinski, der selbst in Armut aufgewachsen war und sein Leben lang für die Rechte der Ärmsten kämpfte. Er wollte einen Tag schaffen, an dem Armut nicht länger unsichtbar bleibt – ein Tag, an dem Menschen, die sonst übersehen werden, Raum bekommen.
Obwohl in Berlin Armut ja an jeder Ecke sichtbar ist, ist das Übersehen doch ein Kernproblem. Armut findet oft im Verborgenen statt: in der Scham, nicht mithalten zu können. Im Schweigen über die eigene Situation. Im Wegschauen der anderen. Dabei ist Armut nicht nur eine Frage des Kontostands. Sie zeigt sich auch dort, wo Menschen keinen Zugang zu Bildung haben, keine Stimme in der Gesellschaft, keine Perspektive. Auch Einsamkeit und fehlende Teilhabe sind eine Form von Armut, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt. Gerade in einer Stadt wie Berlin ist das leicht zu übersehen, weil Not sich oft hinter Fassaden versteckt.
In der Bibel ist immer wieder von den Armen die Rede – nicht nur als Randnotiz, sondern als zentrales Thema. „Was ihr meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan", sagt Jesus einmal in der Bibel (Matthäus 25,40). Die Begegnung mit denen, die wenig haben, wird hier zur Begegnung mit Gott selbst. Ein herausfordernder Gedanke, der die Rangordnung zwischen Geben und Empfangen ziemlich durcheinanderbringt.
Man muss nicht die ganze Welt retten. Aber man könnte heute genauer hinschauen. Vielleicht die Kollegin fragen, wie es ihr wirklich geht. Vielleicht den Menschen auf der Straße immerhin freundlich grüßen, statt nur vorbeizugehen. Hinschauen, wo sonst weggesehen wird.