Es ist noch gar nicht so lange her, da durfte ich einen Gottesdienst anlässlich einer diamantenen Hochzeit halten. Beim anschließenden Essen habe ich die Eheleute gefragt, wie sie sich kennengelernt haben. Die beiden schauten sich an, lächelten, und dann erzählten sie mir ein Stück aus ihrer Liebesgeschichte.
In den meisten Fällen beginnen solche Geschichten mit einer großen Begeisterung. Es ist schön, wenn man sich nach 60 Jahren noch an die Begeisterung der ersten Liebe erinnert. Doch nicht selten mischen sich dann auch herbe Züge in die Erinnerungen. Dazu fällt mir ein kleines Märchen ein.
Es war einmal ein Salzmännchen, das auf seiner Wanderung durch die endlosen Wüsten ans Meer gelangt war. Das Salzmännchen hatte das Meer noch nie gesehen und stand ganz fasziniert davor. Es war beeindruckt von der Kraft seiner Wellen und spürte die Frische, die von ihm ausging.
„Guten Tag!“ sagte das Salzmännchen. - „Guten Tag,“ antwortete das Meer. „Wer bist du?“ fragte das Salzmännchen. -„Ich bin das Meer,“ antwortete dieses. „Was heißt das?“ fragte das Salzmännchen. „Ich kenne dich noch nicht.“ - „Wenn du mich kennen lernen willst, musst du näherkommen.“
Das Salzmännchen ging also einen Schritt näher heran, und dann noch einen Schritt und noch einen, bis es mit einem Fuß im Wasser stand. Tatsächlich: auf einmal spürte es die herrliche Frische des Meeres und seine Kraft. Als es aber wieder aus dem Wasser herausging und auf seinen Fuß schaute, war der Fuß weg.
„Was hast du mit meinem Fuß gemacht?“, fragte das Salzmännchen ganz aufgeregt. Aber das Meer blieb ganz ruhig: „Wenn du mich kennen lernen willst, musst du ein Stück von dir hergeben.“
Wenn Du mich kennenlernen willst, musst du ein Stück von dir hergeben – diese Weisheit des Meeres hat das Ehepaar in den 60 Jahren sicher oft erlebt. Das Kennen- und Liebenlernen kann mir schon einiges im Leben abverlangen – nicht unbedingt meinen Fuß wie im Märchen, aber zum Beispiel bestimmte Vorstellungen, wie der andere sein soll, oder gemeinsame Zukunftsträume.
Doch das Ehepaar hat mir gezeigt, dass das Wagnis, etwas von sich herzugeben, ein Schlüssel zum Glück sein kann.