18.07
2026
06:50
Uhr

Fremdsein

Ein Beitrag von Frank Städler

Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken, 2. Mose 23,9

Das Einander-Kennenlernen. Wo aus Fremden, Bekannte, Vertraute oder gar Freunde werden können. Dieser Übergang ist keine zwangsläufige Entwicklung. Jeder weiß: man kann einander auch nach langer Zeit fremd bleiben, trotz häufigen Sehens.

Die Bibel erinnert daran, wie wichtig dieser Übergang ist. Das zweite Buch Mose weist auf das Herz, in dem sich die Erfahrung des Fremdsein abgebildet hat. Ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägypten gewesen seid.

Es ist eine besondere Fähigkeit des Menschen, sich in andere hineinversetzen zu können. Ich kann mich an das eigene Bange-Sein erinnern, dass ich hatte, als ich neu im Kreis der anderen war. Und aus dieser Erfahrung kann ich entscheiden: Mache ich es dem anderen schwerer anzukommen – oder leichter?

Am Anfang versuche ich mir immer den Namen zu merken. Und wenn mein Gedächtnis nicht darauf trainiert ist und ihn vergisst, überwinde ich mich und frage noch einmal nach. Peinlich, hatte ich doch seinen Namen vergessen, aber nun merke ich ihn mir!

Manchmal sage ich mir einen fremden Namen auch in Gedanken. Oder - das ist selten - ich bewahre ihn in meinem Herzen, wie einen Schatz. Vielleicht macht mein Herz sich schon Sorgen um ihn, weil es weiß, wie es ihm geht. Wenn ich das tue, bin ich schon ganz schön vertraut mit einem Fremden!

In meinem Leben bin ich schon oft fremd gewesen. Oft hatte ich Menschen um mich herum, die ich nicht kannte. Da war mir mulmig zumute.

Auch ich bin in meinem Leben oft fremd gewesen. Ich stand in Räumen mit Menschen, die ich nicht kannte. Ich war unsicher. Aber rückblickend kann ich sagen: Nach der ersten Fremdheit und manchmal auch Skepsis sind Begegnungen entstanden, die mein Leben bereichert haben.

Das geschah nie im Nu. Es war ein Übergang. Ein Weg vom Fremdsein zum Vertrauen.

Heute erinnere mich an viele fremde Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. All die damals Fremden sind mir zu einem Schatz geworden, den ich nicht missen möchte.