Als 2022 der Krieg in der Ukraine ausbrach, ist in mir etwas zerbrochen. Vielleicht meine kindliche Überzeugung, dass es in Europa nie wieder Krieg geben würde. Ich habe mich hilflos und ohnmächtig gefühlt. Ich habe mich auch gefragt, was ich als Ukrainer tun würde: fliehen oder verteidigen und selber an die Front gehen? Beide Wege konnte ich nachvollziehen. Und beide sind furchtbar für den, der sie gehen muss.
Wir haben damals in der Stadtkirche St. Nikolai in Forst in der Lausitz wöchentlich für Frieden in der Ukraine gebetet. Wie in so vielen Kirchen hier und anderswo. Zugegebenermaßen: Die Welt ist dadurch nicht friedlicher geworden, im Gegenteil. Sind die Zeiten des Friedens endgültig vorbei?
Natürlich wünsche ich mir Frieden! Doch Frieden, der diesen Namen verdient: Frieden, der mehr ist als das Schweigen der Waffen. Ich meine Frieden ohne Unterdrückung der Schwächeren. Ein gerechter, ein heiliger Frieden.
Im 85. Psalm kommt dieses Bild vor: Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Ich finde das wunderbar. Es zeigt: Den falschen, den faulen Frieden kennen Menschen schon von alters her, denn sie wussten: Frieden und Gerechtigkeit gehören zusammen wie ein Menschenpaar, das sich unterstützt und liebt, das einander braucht. Das bedeutet: Frieden braucht Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit braucht Frieden. Beide können nicht unabhängig voneinander bestehen. Das ist für mich ein heiliger Frieden.
Leider müssen sich die mächtigsten Kriegsverbrecher selten vor einem weltlichen Gericht verantworten. Auch die Hoffnung auf ein göttliches Gericht am Ende der Zeit, wie die Bibel sie kennt, ist für die Gegenwart ein schwacher Trost. In einem bin ich mir allerdings sicher: Als Einzelne werden wir die großen Kriege dieser Welt nicht befrieden können, aber wir haben Familien. Wir haben Nachbarn, Kollegen. Wir können uns bemühen, die Konflikte, die uns ganz direkt betreffen, so zu befrieden, wie wir uns das von anderen in der Ukraine oder im Nahen Osten wünschen: indem wir das Gespräch miteinander nicht abreißen lassen und gute und gerechte Kompromisse aushandeln.
Die Waffen müssen schweigen, in allen Konflikten und Kriegen dieser Welt. Doch dabei muss auch Gerechtigkeit geschaffen werden. Nur so kann aus einem faulen Frieden ein heiliger Frieden werden, der hält, was er verspricht.