„Tritt nicht näher! Zieh dir die Schuhe aus; die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden!“ (2. Mose 3,5) Das sagt die göttliche Stimme aus dem brennenden Dornbusch zu Mose, der dort berufen wird, die Israeliten aus Ägypten zu führen. Das klingt so wie ‚Schuhe aus!‘ an der Wohnungstür. Kein Dreck bitte! Heiliger Boden ist, so kann man vielleicht sagen, so sauber und kostbar, dass auch der Fuß sauber dastehen soll. Ohne Dreck von draußen.
Seine Schuhe beim Betreten einer Wohnung ausziehen, ist in unserem Land und vielen anderen nord- und osteuropäischen Ländern üblich. Wenigstens fragen sollte man. Aber das gilt nicht überall: Schon in Frankreich oder Großbritannien muss man nicht unbedingt seine Schuhe ausziehen. Eher sind die Gastgeber befremdet und not amused bei Ringelsocken und Schweißgeruch.
In Gotteshäusern gilt dieselbe Vielfalt: In christlichen Kirchen zieht in Europa keiner seine Schuhe aus. In Moscheen dagegen gehört es selbstverständlich dazu. Klar: Man sitzt ja auch meist auf dem Teppichboden, da wäre Straßenschuhwerk ziemlich unhygienisch. Ich finde es eigentlich schade, dass wir nicht auch in unseren Kirchen die Schuhe ausziehen. Ja, dass wir diese Orte eben nicht mit derselben Sorgfalt behandeln wie unsere eigenen vier Wände.
Etwas als heiligen Ort oder heiligen Boden zu bezeichnen, ist allerdings auch zwiespältig. Regeln schränken immer auch ein. Plötzlich wird mir vorgeschrieben, wann und wie ich mich an diesem Ort zu verhalten habe. Schlimmstenfalls gilt sogar: Dieser Ort ist heilig, da hast du keinen Zutritt! Weil du angeblich die falsche Religion hast oder den falschen Pass, die falsche Hautfarbe, das falsche Geschlecht, die falsche sexuelle Orientierung.
Ich versteh dieses Gefühl: Meine Heimat, mein Dorf, meine Straße, mein Garten, mein Glaube - das ist mir heilig – das heißt, dass ich mich mit einem Ort und seinen Menschen verbunden fühle. So weit so gut. Auf der anderen Seite kann es heißen, dass alles mehr oder weniger so bleiben möge, wie es war. Und dass andere, die andere Traditionen mitbringen, alles verändern. Und zwar zum Negativen. Dann fallen Sätze wie: „Ich erkenne das hier nicht wieder. Das ist nicht mehr meine Heimat!“
Die Geschichte mit dem Dornbusch erinnert mich daran, dass Gott andere Maßstäbe für Heiligkeit hat: Da, wo Gott ist, ist heiliger Boden. Nicht da, wo wir Menschen das bestimmen.