Ein Mann steht mit dem Rücken zur Kamera und hält sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er scheint in einem Moment der Verzweiflung oder Traurigkeit zu sein. Der Hintergrund ist dunkel, was die emotionale Intensität der Szene verstärkt.
07.11
2026
06:50
Uhr

Widerstand als Klage

Hiob

Ein Beitrag von Friederike Krippner

Sicherlich eine der gebeuteltsten Figuren des Alten Testaments ist Hiob. Zunächst hat Hiob alles: Er ist reich an Ländereien, Vieh, Gesinde und Kindern. Und dann kommt alles ganz anders. Der Teufel nämlich behauptet, Hiob sei nur gottesfürchtig, weil es ihm so gut gehe. Gott erlaubt daraufhin dem Teufel, Hiob seinen gesamten Besitz, seine Kinder, seine Gesundheit zu nehmen. Hiob verliert alles und wird schwer krank. Als er auf der Erde sitzt, sich mit einer Scherbe die Schrunden kratzend, sagt seine Frau: Lass ab von diesem Gott, der Dir das antut. Aber Hiob bleibt bei Gott.  

Hiob muss sein Elend nicht ganz alleine durchstehen. Drei Freunde kommen ihn besuchen. Zunächst schweigen sie mit ihm, eine ganze Woche lang. Nur leider halten die drei dieses kraftvolle Schweigen am Ende dann doch nicht durch. Sie beginnen in sehr langen Reden Gründe zu suchen, warum Hiob all das Elend widerfahren ist. Und das macht Hiob richtig sauer. Er widerspricht ihnen – und klagt seinen Gott an.

Hiob ist mein biblisches Lieblingsbuch, weil es etwas ganz Wesentliches anerkennt: die Sinnlosigkeit des allermeisten Leids. Das Buch gibt offen zu, dass Hiob zufällig zum Spielball eines kleinen Kampfes zwischen Teufel und Gott wurde – kein besonders netter Zug von Gott übrigens. Und es erkennt noch etwas ganz Wesentliches an: den Wert der Klage. Denn Klage ist hier Widerstand. Hiob widersteht klagend den Zumutungen seiner Freunde. Und erst indem er Gott anklagt, gelingt es ihm, in einen Dialog zu treten, an dessen Ende die Versöhnung mit Gott und seinem Schicksal steht.

Den Deutschen sagt man nach, dass sie besonders viel klagen und damit alles madig machen. Und in der Tat. Klagen kann ausgesprochen destruktiv sein: wenn Klage zur Gewohnheit wird, wenn aus Klage Entschuldigung für Resignation wird. Klage kann aber auch unheimlich widerständig und kraftvoll sein: Dort, wo sie quer sitzt zum Leistungsgedanken, jeder seines Glückes eigener Schmied; zur Illusion, wir könnten alles und jedes im Leben beeinflussen; zur Annahme, wenn wir nur genug trainieren, Morgenroutinen machen, lernen, arbeiten, dann, dann werde schon alles gut. Vieles im Leben ist ungerecht und lässt sich nicht einfach erklären. Klagen Sie es also ruhig einmal an: das sinnlose Unrecht in Ihrem Leben. Aber auch das sinnlose Unrecht im Leben anderer. Vielleicht entsteht dadurch eine ungeahnte Kraft zur Veränderung!