Oh nein! Meine Lieblingstasse rutscht mir aus der Hand und zerspringt auf dem Boden in mehrere Teile. Zum Glück war sie leer.
Traurig bin ich trotzdem.
Eine Freundin erzählte mir einmal, dass sie angeschlagenes Geschirr nicht aufbewahrt, sondern sofort entsorgt. Damit sie nicht jedes Mal aufs Neue traurig ist, wenn sie den Schrank öffnet und das beschädigte Stück sieht.
Inzwischen bin ich auf eine andere, sehr schöne und nachhaltige Idee gestoßen.
In Japan gibt es eine alte Kunst, die einen anderen Weg geht. Sie heißt Kintsugi. Wenn dort eine Schale zerbricht, wird sie nicht weggeworfen. Die Bruchstellen werden mit Gold gekittet. Die Risse bleiben sichtbar – aber sie werden kostbar.
Die Schale sieht danach nicht mehr aus wie vorher. Sie erzählt eine Geschichte: vom Zerbrechen und vom behutsamen Wieder-Zusammenfügen.
Und davon, dass etwas nicht trotz, sondern mit seinen Rissen schön sein kann.
Ich frage mich, was passieren würde, wenn ich so auf mein eigenes Leben schaue. Vielleicht mögen Sie einen Moment mitdenken: an das, was nicht aufgegangen ist, an Verletzungen, Abschiede und Brüche. An Narben, die Sie am liebsten verbergen würden.
Es gibt Dinge in uns, die müssen gar nicht wieder „wie neu“ werden. Sie dürfen sein, wie sie sind – mit ihren Rissen, ihren Narben und ihrer Geschichte. Und es tut gut, wenn sie ganz behutsam und geduldig wieder zusammengefügt werden – wohl nicht mit Gold, sondern mit dem, was Gold wert ist: Zeit, Mitgefühl und Liebe.
In der Bibel heißt es: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Das ist eine wunderbare Zusage. Gottes Kraft zeigt sich nicht erst dort, wo alles heil und makellos ist. Sie wirkt gerade an den Bruchstellen unseres Lebens.
Ein wenig wie beim Kintsugi: Die Risse werden nicht ungeschehen gemacht. Aber sie erzählen nicht das Ende der Geschichte.