Jeden Morgen schließe ich die Kirche auf. Und fast jeden Morgen treffe ich auf einen Mann, der die Nacht auf den Kirchenstufen verbracht hat. Er fühlt sich hier sicher. Mit dem Öffnen der Tür packt er seine Habseligkeiten zusammen und hockt sich in die Marienkapelle. Vor dem Muttergottes-Bild brennen Kerzen. Ein bisschen Wärme und Licht.
Als ich eines Abends zuschließen will, sitzt der Mann immer noch hier. Er zeigt auf das Marienbild, mit Jesus im Arm. „Ich habe auch Kinder. Zwei.“, sagt er traurig. „Ich würde sie so gerne mal wiedersehen. Aber ich traue mich nicht. Zuviel Angst.“ Seine Kinder, 8 und 10 Jahre, leben seit der Trennung bei der Mutter.
„Wenn Du willst, kann ich für Dich beten, dass Du den Mut aufbringst, sie anzurufen“, biete ich ihm an. Der Mann blickt überrascht drein, schließt die Augen und redet sich zu: „Ich glaube wirklich, ich versuche es.“
Ich pruste los. Der Mann öffnet ein Auge und schaut mich prüfend an. „Das ist aus Pippi Langstrumpf“, schiebe ich gleich nach. Die Kinderbuch-Heldin ist furchtlos, wenn es darum ging, etwas Neues zu wagen. „Aus Pippi Langstrumpf habe ich immer meinen Kindern vorgelesen…“, erinnert sich der Mann. „Und kennst Du die Stelle, an der Pippi auf einer Felsenklippe steht und sich fragt: Geht fliegen oder nicht? Zu ihren Freunden sagt sie: ‚Nach unten könnte man schon fliegen lernen. […] Ich glaube wirklich, ich versuche es.‘ “
Ich sprach ein kurzes Gebet. Dann sah ich ihn eine Woche nicht mehr.
Dann steht er plötzlich vor mir, übersprudelnd: „Es hat funktioniert! Ich habe mit meinen Kindern gesprochen. Sie wollen mich vielleicht besuchen, also hier besuchen, in der Kirche. Geht doch, oder?“ Die Kinder wollen den Papa wiedersehen. Ich bin so glücklich, dass er so glücklich ist! Dass er den Mut zum Versuch fasste.
„Wie ging das eigentlich aus mit Pippi Langstrumpf? Ist sie geflogen?“, will er von mir wissen.
„Klar!“, antworte ich, „sie landete auf dem Hintern und ärgerte sich, zu viele Eierkuchen gegessen zu haben“. Der Mann grinst. „Ich sag Dir Bescheid, wenn ich nochmal anrufe, ja?“
„Kannste machen. Aber das schaffst Du auch allein“, zwinkere ich ihm zu: „Du hast doch auch den direkten Draht nach oben.“ Lachend gibt er zurück: „Ich glaube wirklich, ich versuche es."