Als Kind war mir der Nikolaus nicht so ganz geheuer. Das lag nicht an den Süßigkeiten, die ich morgens in meinen Winterstiefeln fand. Mein Unbehagen hatte mit seinem Besuch in der Kita zu tun: Ja, der Nikolaus kam damals zu uns in die Kita, und er hatte zwei Sachen dabei: Zum einen: einen Sack voller Mandarinen, Äpfel, Nüsse und Gebäck. Zum anderen ein großes, goldenes Buch. Und angeblich war in diesem Buch aufgeschrieben, wie wir Kita-Kinder uns verhalten hatten. Auch wenn wir jedes Jahr Geschenke bekamen, gab es trotzdem diesen Moment der Unsicherheit und Angst: Was stand in diesem goldenen Buch? Ich befürchtete, dass meine Bilanz möglicherweise durchwachsen sein könnte. War das Verhalten unserer Gruppe ausreichend gewesen? Hatte ich mich gut genug betragen?
Der Nikolaus also war für mich ambivalent: Einerseits freute ich mich auf ihn und seine Geschenke, andererseits befürchtete ich, dass die Sache nicht ganz so gut ausgehen könnte, wie erhofft – und hatte Angst vor ihm. Ja, irgendwie war das goldene Buch mit den vermeintlichen Eintragungen viel präsenter als der Sack voller Geschenke.
Diese Frage, ob die eigene Leistung ausreicht, treibt viele um - auch Erwachsene.
Jeder von uns kennt die Sorge, eigenen Ansprüchen oder denen der anderen, der Freunde oder der Familie, nicht gerecht zu werden. Und tatsächlich werden wir es nicht immer. Können es gar nicht.
Leider wird manchmal auch von Gott noch so gesprochen, wie ich als Kind den Nikolaus erlebte: als bedrohliche Figur, die genau Buch führt, alles sieht – jeden Fehler, jedes Versäumnis.
Dabei ist die wichtigste Aussage des christlichen Glaubens, dass Menschen angenommen sind – in aller Fehlbarkeit. Oder anders gesagt: Gott will Menschen beschenken, nicht beschämen. Dasselbe gilt übrigens auch für den heiligen Nikolaus.
Wenn ich das als Kind verstanden hätte, wäre der Nikolaustag deutlich entspannter gewesen.