Eine Kollegin von mir ist schwanger. Für mich als kinderloser Mann Ende dreißig, ist das eine völlig unbekannte Welt. Als sie aus dem Urlaub zurückkommt, und der Babybauch sich nicht mehr verstecken lässt, frage ich nach, wie es ihr geht. „Manchmal würde ich den Bauch gerne einfach zur Seite tun wie einen Rucksack. Ich kann mich überhaupt nicht so bewegen, wie ich will“, klagt sie mir ihr Leid. „Aber meistens“, so fährt sie fort, „meistens denke ich mir: Schaut mich an – ich erschaffe neues Leben. In meinem Bauch wächst ein Mensch.“ Ich erschrecke. Die Kollegin sagt das mit unglaublich viel Urgewalt in ihrer Stimme und zeigt mit voller Überzeugung auf ihren Bauch. „Schaut mich an – ich erschaffe Leben.“
Wow – ich bin beeindruckt. Was Schwangerschaft bedeutet, wie es offenbar alles von einem verlangt, alles auf den Kopf stellt, und alles nur noch dem einen Ziel zu dienen scheint: den Nachwuchs schützen und wachsen lassen.
Was für eine Kraft das sein muss, neues Leben zu schaffen.
Kurz darauf besucht meine Mutter mich in Berlin und hat ein Album dabei. Für meine Brüder und mich hat sie jeweils eines erstellt, mit Bildern aus unserer Kindheit und Jugend. Und da ist es: das Foto meiner schwangeren Mutter, kurz vor meiner Geburt.
Bisher hat die Schwangerschaft meiner Mutter in meinem Bewusstsein keine Rolle gespielt – aber jetzt, da ich es bei meiner Kollegin live miterlebe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: meine Mutter hat all das genauso durchgemacht und erlebt, hat auf so manches verzichtet – und all das, um mir das Leben zu schenken.
In mir löst das große Dankbarkeit aus. Gegenüber den Menschen, die mir das Leben geschenkt haben. Und es motiviert mich, treibt mich an, dieses Geschenk mit Leben zu füllen mit schönen Dingen, Begegnungen und all dem, was mir wichtig ist und gut tut. So dass ich – wenn auch in deutlich kleinerem Umfang als meine Kollegin sagen kann: Ja, auch ich schaffe etwas, dort wo ich bin, in meinem Alltag und mit den Menschen, die mir dort begegnen.