02.10
2025
06:50
Uhr

Schutzengel

Die Kunst, Herausforderungen nicht alleine meistern zu müssen

Ein Beitrag von Lukas Hetzelein

Bestimmt kennen Sie das Bild mit den zwei Engeln, die nebeneinander sitzen, und verträumt bis gelangweilt in die Gegend schauen. Auf dem Gemälde der „sixtinischen Madonna“ spielen sie eigentlich eine Nebenrolle – aber in der Rezeptionsgeschichte haben sie die Hauptrolle übernommen: Man findet sie auf Tassen, T-Shirts und vielem mehr. Wahrscheinlich ist es das erste Bild, das vielen beim Gedanken an Engel in den Sinn kommt. Diese „Engel Raffaels“, wie sie nach ihrem Künstler auch genannt werden, stellen eine große Besonderheit dar: Sie haben nichts zu tun! Während andere Engel im Chor singen, Instrumente spielen, oder Gegenstände herumtragen, haben diese beiden keine Aufgabe. 

Im Kalender der Katholischen Kirche steht am heutigen Tag das Fest der heiligen Schutzengel. Und gerade bei Schutzengeln denke ich an das Gegenteil von dem Bild der zwei Engel der Sixtina. Denn meine Oma hat immer zu mir gesagt: Ich bete zu deinem Schutzengel, dass er auf dich aufpasst.“ Sie hat das mir und allen meinen Cousins und Cousinen immer so erzählt, als hätte jeder von uns seinen eigenen. Und gerade Schutzengel von Kindern, die die Welt entdecken, müssten ja eine ganze Menge zu tun haben, und könnten nicht nur herumsitzen und in die Luft gucken, wie die beiden von Raffael. Als wir älter geworden sind, hieß es dann: Fahr nicht schneller als dein Schutzengel fliegen kann. 

Niemand weiß, was das Leben einem bereithält. Schön ist, nicht alle Herausforderungen alleine meistern zu müssen. Meist braucht es gar keinen himmlischen Beistand: Es gibt Menschen, die es gut mit mir meinen und mich auffangen, wenn ich falle. Die mich in den Arm nehmen, wenn ich traurig bin. Und die mir in den Hintern treten, wenn ich es brauche. So werden auf einmal Menschen zu Schutzengeln in meinem Leben. 

Und so wünsche ich Ihnen den Schutzengel, den Sie brauchen. Am liebsten einen, der so wenig zu tun hat, wie die zwei Engel der Sixtina. Und wenn es anders ist, dann einen Schutzengel, der Sie auffängt, tröstet oder in den Hintern tritt.