Die Abbildung zeigt den Rand eines Holzbodens aus eng zusammenliegenden Dielen. Die Holzmaserung ist gut sichtbar, und der Übergang zwischen dem Boden und einem Rahmen oder einer Bodenleiste ist deutlich erkennbar.
29.12
2025
06:50
Uhr

Schwellen

Ein Beitrag von Almut Bockisch

Jetzt ist Schwellenzeit. Es fühlt sich für mich so an, als ob ich gerade dabei bin, den einen Raum zu verlassen, um den nächsten zu betreten. Zwischen den Jahren eben. Gerade befinde ich mich gefühlsmäßig weder im einen, noch im anderen. Ich stehe dazwischen: Auf der Schwelle zwischen altem und neuem Jahr. Ich denke da ganz plastisch an Türschwellen. So fühlt es sich an: unter den Füßen das Holz einer alten, knarzenden Schwelle, auf der man sein Gewicht verlagert und dabei das wohlig warme Knarren genießt, wie bei alten Holzböden, auf denen man versucht, Geräusche zu vermeiden, und das Holz sich eben doch regt. Schwellen betreten geht selten geräuschlos.
Diese besondere Woche zwischen den Jahren liegt ja nicht wirklich zwischen den Jahren, sie verbindet sie miteinander. Jedes Jahr habe ich an dieser Stelle zwischen Weihnachten und Silvester dieses Schwellengefühl: einen Mix aus Aufregung, Neugier, Spannung, aber auch ein bisschen Abschiedsschmerz, Ungeduld und Unsicherheit – all das mischt sich miteinander. So wie das Knarzen auf der Schwelle: alte Erinnerungen aus dem Jahr kommen hoch, verpasste Chancen wiederholen sich im Kopf, ein Lächeln legt sich über schöne Erlebnisse; darunter aber auch die Sehnsucht nach Veränderung, nach Zukunftssicherheit, und die Hoffnung auf Erfüllung neuer und alter Lebensträume. Es knarzt beim Nachdenken. Denn ich stehe auf der Schwelle. Noch nicht ganz im Neuen, aber auch nicht fest im Alten verankert, mehr wippend und schwebend, Schwellenzeit eben. 
Ich merke: An dem Knarzen komme ich nicht vorbei. Übergänge und Schwebezustände wie zwischen den Jahren bergen manchmal emotionale Untiefen. Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel – heißt also: auch für diese Schwellenzeit ist jetzt der richtige Moment: um wahrzunehmen, was mich gerade wirklich beschäftigt, was mich gedanklich doch noch nicht losgelassen hat und welche Träume ich im neuen Jahr endlich verwirklichen will. Ich formuliere mal ganz frei: Knarzen hat seine Zeit. Und die braucht es auch, die Zeit dafür: für das Hinhören auf die ganz eigenen Geräusche in dieser Schwellenzeit. Dafür und für mich ist jetzt Zeit.