Die Freiheitsbrücke ist eine grüne, geschwungene Brücke über die Donau in Budapest. Sie hat charakteristische Türme und verziert mit Lampen. Im Hintergrund sind historische Gebäude zu sehen, und die Umgebung ist bewölkt, was der Szene eine ruhige Atmosphäre verleiht.
02.10
2026
06:50
Uhr

Vertraut den neuen Wegen

Flucht in den Westen

Ein Beitrag von Thomas Brose

Spätsommer 1989. In Budapest entdeckte ich folgende Meldung: Etwa sechshundert DDR-Bürger nutzen das „Paneuropäische Picknick“ an der ungarisch-österreichischen Grenze in Sopron zur Flucht in den Westen.

Wie ein Blitz traf mich dabei die Frage: Weggehen oder Heimkehren? Bei einer Fahrt auf der Donau begann ein innerer Kampf. Die Freunde nahmen meine Sprachlosigkeit mit Unbehagen wahr. War das nicht meine allerletzte Chance? 

Als ich nach Stunden wieder sprechen konnte, bemerkte ich, dass der Bann gebrochen war. Im Vordergrund stand jetzt nicht mehr meine Angst, in diesem Leben zu kurz zu kommen. Plötzlich entdeckte ich lauter Möglichkeiten vor mir. Dabei wuchs auch der Mut für Vertrauen und Veränderung.

Dass fast parallel zu meinem Ringen auf der Donau das Lied Vertraut den neuen Wegen entstanden ist, habe ich erst im Oktober erfahren. Der Theologe und evangelische Pfarrer Klaus-Peter Hertzsch hatte den Text im August 1989 für die Trauung seiner Patentochter gedichtet – Gäste nahmen den kopierten Texte einfach mit nach Hause und stimmten dort wieder die erste Strophe an, die bald auch mir Mut spendete: 

Vertraut den neuen Wegen,

auf die der Herr uns weist,

weil Leben heißt: sich regen,

weil Leben wandern heißt.

Seit leuchtend Gottes Bogen

am hohen Himmel stand,

sind Menschen ausgezogen

in das gelobte Land.

„Vertraut den neuen Wegen“ – das Lied traf den Nerv der Zeit. Es wurde zur Hymne der „Friedlichen Revolution“.

Und wie klingen diese Verse im Oktober 2026 – sechsunddreißig Jahre nach der Wiedervereinigung? Ich meine, auch heute können Christen und Nichtchristen wieder gemeinsam gegen eine manchmal vernagelte Welt ansingen. In der dritten Strophe heißt es nämlich:

Vertraut den neuen Wegen,

auf die uns Gott gesandt!

Er selbst kommt uns entgegen.

Die Zukunft ist sein Land.

Wer aufbricht, der kann hoffen

in Zeit und Ewigkeit.

Die Tore stehen offen.

Das Land ist hell und weit.