Eine Person liegt zusammengekrümmt auf einer Holzbank im Freien. Der Hintergrund zeigt verschwommene Radfahrer und eine Mülltonne neben der Bank. Die Person scheint sich warm zu halten und ist in eine Jacke gehüllt.
02.06
2026
21:58
Uhr

Andreas – der Tapfere

Würde, Fürsorge und Hoffnung für alle Menschen – auch nach der Haft.

Ein Beitrag von Christina Brath

Ich arbeite in einer Justizvollzugsanstalt als Seelsorgerin, ich denke an Andreas. 

Er hat seine Strafe abgesessen, über 20 Jahre. Den ersten Teil seines Lebens hat er im Kinderheim und dann auf der Straße verbracht. Als er kam, war er dürr, hatte lange verfilzte Haare und einen ungepflegten Bart. Er musste erstmal unter die Dusche, zum Frisör und irgendwann nahm er auch seinen Bart ab. Andere Mitgefangene schenkten ihm etwas zum Anziehen. Er scheint glücklich.

Oft kommen wir ins Gespräch und gern schnorrt er sich mit einer liebenswerten Geschichte mal ein bißchen Kaffee in einer Plastikdose. Ein paar Tage später hat er wieder Gesprächsbedarf, schnorrt sich ein bißchen Tabak. Die Kekse zum Kaffee in meinem Büro lege ich ihm unbemerkt abgezählt hin. Ein paar ißt er gleich, ein paar nimmt er für den Nachbarn mit und ein paar für später. Ich schmunzle. Er ist ein Lebenskünstler auf der Straße.

Nun ist er entlassen auf Endstrafe, sagt man bei uns, ganz frei. Eine Wohnung hat ihm niemand besorgen können. Mit einem großen Schlafsack, ohne Ausweis ist er losgezogen. 

Ich denke an ihn und manchen, der auf der Straße lebt. Gott, ich bitte dich, beschütze sie und alle deine Menschenkinder. Gib allen eine gesegnete Nacht.