Ich arbeite in einer Justizvollzugsanstalt als Seelsorgerin. Oft frage ich mich, warum ist ein Mensch so geworden, wie er jetzt hier sitzt.
Manchmal lerne ich die Familie eines Gefangenen kennen. Dafür gibt es eine seltene Sondersprechzeit. Salim, so nenne ich den Gefangenen, wird noch lange hier sein. Er ist lebenslänglich verurteilt. Seine Familie kommt ihn treu jede Woche besuchen. Wir haben schon öfter im Besucherzentrum zusammen erzählt und Kaffee getrunken.
Als seine Kinder noch kleiner waren, haben sie erzählt, dass sie oft in der Schule gemobbt wurden, weil ihr Vater – so sagt man – ein böser Verbrecher ist. Aber was können wir dafür, er ist doch auch unser Vater, sagen sie. Er liebt uns.
Wenn seine Familie geht, schaut Salim ihnen vom Fenster aus noch lange nach. Selbst schuld, denken manche, hätt er sich eher überlegen müssen ... sitzt doch zurecht hier.
Doch was kann seine Frau dafür, was können seine Kinder dafür? Die Last der Schuld von Salim tragen alle, er drinnen im Gefängnis und die Familie draußen.
Gott segne alle Familien, ihre Liebe zueinander und alles, was in ihrem Leben schwierig ist. Gott, bleibe bei Ihnen.
Gute Nacht.