Ich arbeite im Gefängnis am Stadtrand als Seelsorgerin.
Die Männer und Frauen im Vollzugsdienst sind gut ausgebildet. Sie reden mit den Gefangenen, kennen oft ihre Sorgen und Nöte, schlichten Streit, beruhigen, ermutigen, bestärken oder trösten. Sie sind die ersten, die sehen, wenn sich ein Häftling das Leben genommen hat.
Mit Herrn Friedrich – so nenne ich ihn heute mal – komme ich zwischen Tür und Angel oft ins Gespräch. Er sagt: Es ist nicht leicht nicht abzustumpfen, nicht gleichgültig zu werden, manchen Ärger und Beschimpfung, manche mangelnde Erziehung oder Gewalt zu ertragen und die Menschen, die aus verschiedensten Kulturen und Schichten kommen, zu verstehen. Er macht seinen Dienst gern. Und wir sind uns einig: Jeder Mensch hat Würde in sich, der Gefangene und der Beamte.
In einem Psalm in der Bibel heißt es: Was ist der Mensch, dass du Gott an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst. Du Gott hast ihn nur wenig geringer gemacht als dich selbst.
Ich wünsche allen diese Zuversicht, dass Gott sich jedes Menschen annimmt. Auch durch unser Mittun. Uns allen Gottes Segen zur Nacht.