Ich hatte eine Sprichwort-Oma. Meine Oma hatte für alles ein Sprichwort parat. Zu jeder Gelegenheit fiel ihr etwas Passendes ein. Naja, so ganz passte es nicht immer, aber für meine Oma schon. Ganz nach dem Motto: Bescheidenheit ist eine Zier – doch besser lebt sich‘s ohne ihr! Oma hatte immer ein passendes Sprichwort parat.
Und deshalb hätte ihr das folgende Gedicht von Mascha Kaléko sicher gefallen:
Das bescheidene Veilchen
Das Veilchen, zart und violett,
War Ehrengast auf dem Bankett,
Und jeder rühmte seine Tugend,
Und seine Schönheit, seine Jugend.
Das Veilchen drauf, mit scheuer Miene,
»Ihr lobt mich mehr als ich verdiene.
Doch eine Tugend, die mich ziert,
Die habt ihr alle ignoriert«.
– Verbeugte sich nach edlem Brauch,
Und sprach: »Bescheiden – bin ich auch.«
Meine Oma mochte neben Sprichworten Blumen sehr gerne und Veilchenduft war einer ihrer liebsten. Sie sagte immer, dass Gott mit den Blumen der Schöpfung erst ihre Farben gegeben habe.
Ein schöner Gedanke, der mich träumen lässt von veilchenblauen Pinselstrichen Gottes. Amen. Gute Nacht.
Quelle: Mascha Kaléko: Feine Pflänzchen, München 72024, S. 10.