Ein Netz einer Spinne ist mit Wassertropfen bedeckt, die im Licht glänzen. Der Hintergrund ist unscharf, mit einer natürlichen, erdigen Farbpalette, die eine ruhige, morgendliche Atmosphäre vermittelt. Die Struktur des Netzes ist deutlich sichtbar und zeigt die filigranen Fäden.
22.09
2026
06:50
Uhr

Altweibersommerfäden

Ein Beitrag von Merle Remler
Dies ist eine Sendung aus der Staffel vom 21. – 27. September Alle Beiträge aus der Staffel finden sie hier:
Eine offene Kartonschachtel mit einem geometrischen Muster in Schwarz und Weiß steht auf einem Tisch. Die Schachtel hat einen quadratischen Boden und zeigt ihre Innenseite. Der Hintergrund ist neutral und unscharf.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Zwischenraum

Merle Remler
Eine Gruppe von Vögeln fliegt in einer V-Formation über einen hellblauen Himmel mit wenigen Wolken. Die Vögel sind in verschiedenen Flugpositionen angeordnet und scheinen sich in eine Richtung zu bewegen.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Mehr Gemeinsinn

Merle Remler
Junge Pflanzen sprießen aus fruchtbarem, dunklem Erdreich. Einige Triebe sind bereits sichtbar, während andere noch in der Erde verborgen sind. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Wachstum und Neubeginn.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Gottes Saat

Merle Remler
Eine Person sitzt im Schneidersitz auf einer Fensterbank und blättert durch ein Buch. Die Hände sind leicht verschmutzt von Farbe, und die Sonne scheint durch das Fenster, wodurch Schatten auf der Oberfläche entsteht.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Gott ist ein Tätigkeitswort

Merle Remler

Der September ist ein eher zurückhaltender Monat. Er fällt nicht mit der Tür ins Haus, er kommt nicht mit Donnerworten und Blitzgedanken, sondern  leise und bedacht. Er stellt den ersten kühlen Morgen auf den Frühstückstisch und fragt: „Darf es schon ein bisschen Herbst sein?“

Die Netze der Spinnen hat er über Nacht mit Wasserperlen bestickt, und die Altweibersommerfäden machen sich später am Tag auf den Weg. Glitzernd schweben sie durch die Sonne, als hätten sie sich für die Oper zurecht gemacht. Im alten Volksglauben nennt man sie auch Mariengarn, weil es heißt, sie seien Maria bei ihrer Himmelfahrt aus dem Mantel gefallen. Wenn sie einem im Haar hängenbleiben, so habe man Glück und ein langes Leben. Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Genau deshalb mag ich den September so. Er erinnert mich daran, dass das Gute manchmal leise und nur wenig schimmernd daher kommt. Trotzdem bleibt es an uns hängen und wir merken es noch nicht einmal. 

Das ist Gnade. Ein Wort, fast ein bisschen aus der Zeit gefallen. Gnade – das ist nicht etwas, das man verdient. Sie wird einem geschenkt. Einfach so. Sie steht damit im Gegensatz zu den zahlreichen Erfahrungen und Forderungen, aus den eigenen Möglichkeiten möglichst viel herauszuholen. Alles auszuschöpfen, bis zur Erschöpfung hin. Ganz wichtig: Gnade ist uns vor aller Leistung schon geschenkt. Einfach nur, weil wir da sind. „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“heißt es im 2. Korintherbrief. Gottes Gnade zeigt sich nicht zuerst da, wo wir stark, erfolgreich und souverän, sondern da, ich bedürftig bin.. Wo ich etwas nicht im Griff habe. Wo ich an meine Grenzen komme. 

Wir dürfen also einfach sein – und die glänzenden Altweibersommerfäden finden sich ganz von selbst bei uns ein. Vielleicht ist das besondere Septemberlicht ein kleines Gleichnis dafür: Es macht die Welt nicht neu. Aber es lässt Dinge sichtbar und schöner werden, die immer schon da waren. Und wenn so ein unscheinbarer Glücksfaden im Haar hängenbleibt, ist das wie ein kleiner, himmlischer Gruß: Gott ist da. Still, glitzernd und näher, als wir denken.