Der September ist ein eher zurückhaltender Monat. Er fällt nicht mit der Tür ins Haus, er kommt nicht mit Donnerworten und Blitzgedanken, sondern leise und bedacht. Er stellt den ersten kühlen Morgen auf den Frühstückstisch und fragt: „Darf es schon ein bisschen Herbst sein?“
Die Netze der Spinnen hat er über Nacht mit Wasserperlen bestickt, und die Altweibersommerfäden machen sich später am Tag auf den Weg. Glitzernd schweben sie durch die Sonne, als hätten sie sich für die Oper zurecht gemacht. Im alten Volksglauben nennt man sie auch Mariengarn, weil es heißt, sie seien Maria bei ihrer Himmelfahrt aus dem Mantel gefallen. Wenn sie einem im Haar hängenbleiben, so habe man Glück und ein langes Leben. Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Genau deshalb mag ich den September so. Er erinnert mich daran, dass das Gute manchmal leise und nur wenig schimmernd daher kommt. Trotzdem bleibt es an uns hängen und wir merken es noch nicht einmal.
Das ist Gnade. Ein Wort, fast ein bisschen aus der Zeit gefallen. Gnade – das ist nicht etwas, das man verdient. Sie wird einem geschenkt. Einfach so. Sie steht damit im Gegensatz zu den zahlreichen Erfahrungen und Forderungen, aus den eigenen Möglichkeiten möglichst viel herauszuholen. Alles auszuschöpfen, bis zur Erschöpfung hin. Ganz wichtig: Gnade ist uns vor aller Leistung schon geschenkt. Einfach nur, weil wir da sind. „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“heißt es im 2. Korintherbrief. Gottes Gnade zeigt sich nicht zuerst da, wo wir stark, erfolgreich und souverän, sondern da, ich bedürftig bin.. Wo ich etwas nicht im Griff habe. Wo ich an meine Grenzen komme.
Wir dürfen also einfach sein – und die glänzenden Altweibersommerfäden finden sich ganz von selbst bei uns ein. Vielleicht ist das besondere Septemberlicht ein kleines Gleichnis dafür: Es macht die Welt nicht neu. Aber es lässt Dinge sichtbar und schöner werden, die immer schon da waren. Und wenn so ein unscheinbarer Glücksfaden im Haar hängenbleibt, ist das wie ein kleiner, himmlischer Gruß: Gott ist da. Still, glitzernd und näher, als wir denken.