Der Morgen ist da. Er hat wie üblich nicht gefragt, ob es mir passt. Das ist eine seiner zuverlässigsten Eigenschaften.
Der Wecker hat mal nicht geklingelt und ich bin trotzdem müde, der Kaffee tropft durch die Maschine, und die Nachrichten berichten, dass die Welt über Nacht auch nicht vernünftiger geworden ist. Und ich? Ich bin es auch nicht. Aber was hilft’s, ich schlage die Bettdecke zurück, schlüpfe in die Pantoffeln, ganz neu, weich und warm für den beginnenden Herbst und schlurfe zur Kaffeemaschine. Schenke mir ein, noch bevor die Maschine ganz durchgelaufen ist. Der Kaffee schmeckt zu stark, zu bitter, ich hätte es besser wissen müssen. Und als sei das noch nicht genug, tropft mir der Kaffee auf meine Pantoffeln. Nun gut. Was soll’s, irgendwie muss er ja anfangen, der Tag, dann halt so.
Da fällt mein Blick auf eine Postkarte, die ich vor Jahren einmal bekommen habe und die seitdem auf meinem Küchenregal steht. Ein schlichtes Blumenmuster und hinten drauf der Satz:
„Wunsch: Das Gott ein Tätigkeitswort werde.“
Ich muss lächeln, obwohl der Kaffee mir gerade die Lippen verbrannt hat.
Wir sind es gewohnt, Gott als Hauptwort zu behandeln. Manche schreiben ihn sogar in Großbuchstaben, aus Ehrfurcht. Man stellt Fragen über ihn und hofft auf Antworten. Ob es ihn gibt. Wo er ist. Warum er schweigt. Ganze Bibliotheken sind darüber entstanden.
Vermutlich hat Gott nichts gegen Bibliotheken, so hoffe ich es zumindest, aber vielleicht wartet er gelegentlich darauf, dass einer das Buch zuklappt und einfach mal was tut. Dass Gott ein Tätigkeitswort wird.
Vielleicht braucht es heute keinen großen Plan, keine Großbuchstaben, keine Kapitälchen. Vielleicht reicht es, heute jemanden anzurufen, der lange nichts von mir gehört hat. Jemandem zuzuhören, ohne währenddessen schon die eigene Antwort vorzubereiten. Und vielleicht sogar dem Menschen nachsichtig zu begegnen, von dem man die Unachtsamkeit sowieso schon erwartet hat. Und all das nicht erst, wenn eine Katastrophe eintritt, sondern an einem Samstagmorgen - mitten zwischen tropfenden Kaffeetassen, Wochenende und Pantoffeln.
Vielleicht genügt für heute schon ein einziges kleines Tätigkeitswort:
trösten.
teilen.
verzeihen.
widersprechen
bleiben
Ich weiß noch nicht, welches es für mich wird. Aber Gott wird mir bestimmt beim Finden helfen. Kommen Sie gut durch den Tag!