Eine offene Kartonschachtel mit einem geometrischen Muster in Schwarz und Weiß steht auf einem Tisch. Die Schachtel hat einen quadratischen Boden und zeigt ihre Innenseite. Der Hintergrund ist neutral und unscharf.
23.09
2026
06:50
Uhr

Zwischenraum

Ein Beitrag von Merle Remler
Dies ist eine Sendung aus der Staffel vom 21. – 27. September Alle Beiträge aus der Staffel finden sie hier:
Eine Gruppe von Vögeln fliegt in einer V-Formation über einen hellblauen Himmel mit wenigen Wolken. Die Vögel sind in verschiedenen Flugpositionen angeordnet und scheinen sich in eine Richtung zu bewegen.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Mehr Gemeinsinn

Merle Remler
Junge Pflanzen sprießen aus fruchtbarem, dunklem Erdreich. Einige Triebe sind bereits sichtbar, während andere noch in der Erde verborgen sind. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Wachstum und Neubeginn.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Gottes Saat

Merle Remler
Eine Person sitzt im Schneidersitz auf einer Fensterbank und blättert durch ein Buch. Die Hände sind leicht verschmutzt von Farbe, und die Sonne scheint durch das Fenster, wodurch Schatten auf der Oberfläche entsteht.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Gott ist ein Tätigkeitswort

Merle Remler

Ich habe eine kleine Kiste. In der sammle ich Zeitungsausschnitte, Zitate und Bemerkenswertes. Immer, wenn ich nicht mehr weiterweiß beim Schreiben, Denken oder Vorwärtskommen, öffne ich diese Kiste mit Worten. Sie warten dort wie eine freundliche Gesellschaft an der Bushaltestelle auf mich. Gestern war es wieder so weit. Mein Kopf stand still, bis mir die Kiste etwas zuflüsterte in diesem Zitat: Gott zeigt sich nicht im Ereignis, sondern in der Reaktion darauf. 

Das ist ein tröstlicher Gedanke, weil Ereignisse bekanntlich wenig Rücksicht auf unsere Wünsche nehmen. Der Zug fährt einem vor der Nase weg. Der Mensch, den man liebt, liebt plötzlich wen anders. Der Arzt macht dieses ernste Gesicht, das Ärzte vermutlich jahrelang üben müssen. Und manchmal klingelt morgens das Telefon, und danach ist das Leben ein anderes.

Oft heißt es dann: Wer weiß, wozu es gut ist. Den Satz kann ich nicht leiden. Denn manches ist zu gar nichts gut. Manches tut einfach weh. Und wir sind nicht dazu verpflichtet, jedes Unglück nachträglich mit einem frommen Schleifchen zu versehen.

Im Gegensatz dazu ist die Bibel da erstaunlich nüchtern. Sie erzählt von Menschen, denen das Leben komplett entgleitet. Hiob zum Beispiel. Er verliert nahezu alles und alle, die ihm lieb sind – und bekommt keine vernünftige Erklärung dafür. 

Glaube heißt nicht: Alles hat seinen guten Grund.

Glaube heißt: Nicht einmal das Sinnlose muss das letzte Wort behalten.

Zwischen dem, was geschieht, und dem, wie wir darauf antworten, liegt ein Raum. Da entscheidet sich, ob eine Kränkung zu Bitterkeit führt. Ob ich einen Fehler verstecke oder um Verzeihung bitten kann. Oder wir nach einem Unglück, dass einem anderen geschieht, bei den Trauernden, Kranken, Verletzten bleiben und sie nicht alleine lassen.

Vielleicht wohnt Gott in diesem Zwischenraum. Nicht als Marionettenspieler, der die Fäden zieht. Sondern als Möglichkeit, anders zu antworten, als wir es gewohnt sind.