Ein Wasserhahn mit einem tropfenden Wasserstrahl ist im Fokus. Eine einzelne Wassertropfen bildet sich an der Unterseite des Hahns, kurz davor, abzufallen. Der Hintergrund ist unscharf und zeigt abstrahierte, graue und braune Muster.
16.08
2025
06:50
Uhr

Anfliegende Sätze

Ein Beitrag von Olaf Trenn

Darüber kannst du mal in deinem Radio reden, sagt mein Nachbar und greift zur Wasserflasche. Er hätte neulich an der Ampel gestanden, und da hätte so ein Cabrio bei Rot halten müssen. Total laut das Radio an. Nachrichten. Alle mussten mithören – was sich so einer dabei denkt, na ja, besser als schlimme Musik. Jedenfalls schnappt er einen Satz auf, der ihn dann den ganzen Tag nicht mehr losgelassen habe: „Das Wasser wird knapp.“

Heute Morgen hat er ausgiebig geduscht. Gestern nach dem Training auch. Und dann gab es ein oder zwei Bierchen – wird ja mit Wasser gebraut. Und heute Morgen reichlich Kaffee – mit Wasser gekocht. Aus dem Kasten in der Kammer nimmt er sich, wie jeden Tag, eine Flasche Mineralwasser mit auf Arbeit. Dort muss er sich – betriebsbedingt – mehrmals am Tag gründlich die Hände waschen. Mit Wasser, versteht sich. Und morgen, am Sonntag, ist sein „Enkel-Tag“, da begleitet er die Kleinen zum Schwimmkurs ins Schwimmbad. Dann müssen die Erwachsenen nicht mehr so Angst haben, dass eins der Kinder im Pool im Garten ertrinkt, wenn gerade mal keiner guckt. Ah, der Pool – ganz schön viel Wasser. Überhaupt der Garten: Täglich wässern ist Programm, jetzt im Sommer. Mist, und nun wird das Wasser knapp. Können die nicht einfach tiefer bohren, andere Vorräte finden? Sollen sich doch was einfallen lassen.

Ich räuspere mich und möchte schon so etwas sagen wie: „Naja, vielleicht hängt das auch mit unserem Lebensstil zusammen. Alle sollten doch etwas weniger, alle etwas aufmerksamer, sparsamer… Und die Klimakatastrophe sei schließlich menschengemacht.“ Doch da redet mein Nachbar schon weiter. Das mit dem Wasser ist ein eigenes Thema, darum müssten sich wirklich alle mal kümmern, statt nur zu labern. So wie er gerade.

Was er so verrückt findet: Dass da so ein Satz aus einem Radio, das er nicht mal selbst angeschaltet hat – dass so ein Satz ihn anfliegt. Und nicht mehr loslässt. Anfliegt und mit ihm geht. Ihn beschäftigt, zum Denken bringt. Das könnte ruhig öfter mal passieren: Anfliegende Sätze, die einen nicht mehr loslassen und schließlich sogar verändern. Wo die wohl herkommen?

„Von Gott“ will ich ihm antworten – und spare es mir.
Das kann ich ja dann im Radio sagen.