Darüber kannst du mal im Radio reden, sagt mir mein Bruder, als wir zusammen mit unserem Freund in dessen kleinem Café im Kiez sitzen. Wir unterhalten uns über die anstehende Schließung. Ein Jahr Aufschub hat der Konditormeister noch aushandeln können, dann ist es vorbei, der Mietvertrag wird aufgelöst und das Geschäft geschlossen.
Dann gibt es hier keine Donauwelle mehr, keinen Kirschstreusel, keine Marzipantorte, nie wieder Dominosteine, Vanillekipferl und Zimtsterne – liebevoll von Hand geformt, ausgebacken mit jahrzehntelanger Erfahrung, mehrfach ausgezeichnet, einzigartig im Geschmack. Und im Kiez fällt weg der Plausch vor Ort für alle, die hier ihr vom Meister gebackenes Brot gekauft haben. Kein draußen auf der Straße sitzen und Filterkaffee trinken, Bienenstich essen, grillen, Fußball kucken und kommentieren.
Ein neuer Mieter wird stattdessen ein schickes Bistro eröffnen, mit voraussichtlich 17 Sorten Kaffee, modern und stylisch, so wie viele ähnliche Bistros in der großen Stadt.
Wie ich das zu verstehen habe, frage ich die beiden. Also das mit dem „im Radio darüber reden“. Ob ich was über das Aussterben der kleinen Kiezläden sagen soll? Nee, erklären mir mein Bruder und der Konditor: Übers Aufhören sollst du reden. Über das „auch mal sein lassen Können“ und einen möglichen Neustart. Also über alles, was noch kommt und worüber man sich dann freut.
Jetzt erst begreife ich: Die beiden, die mit mir am Tisch sitzen, gehen nächstes Jahr in Rente – der eine, weil ihm gekündigt wurde, der andere, weil es an der Zeit ist. Und beide schauen über das nahende Ende der Berufstätigkeit hinaus.
Ich glaube, die beiden brauchen keine Ratschläge von mir. Sie werden einen Ort finden, an dem sie sich weiter treffen können. Sie werden in der heimischen Küche Pralinen fertigen, den Bäckerofen beim befreundeten Kollegen unterstellen, Fußball kucken, E-Bass lernen. Mich im Bett noch mal umdrehen, statt den Laden aufzuschließen, ergänzt der Konditor. Ich falle in kein Loch, ich fahre in die Heide und füttere die Vögel, sagt mein Bruder.
Abbrüche haben sie schon so einige erlebt. Leben ist immer Ruine und Baustelle zugleich. Etwas reißt ein, etwas Neues entsteht. Fertig werden wir sowieso nie und mit nichts. Für Vollkommenheit sind wir nicht zuständig. Das soll Gott dann mal machen. Wird schon.