Eine Bühnenansicht mit einem Keyboard, mehreren Mikrofonen und einer akustischen Gitarre in einem blauen Lichtambiente. Im Hintergrund sind Stühle und weitere Instrumente zu sehen, während die Beleuchtung eine musikalische Atmosphäre schafft.
14.08
2025
06:50
Uhr

Musik liegt in der Luft

Ein Beitrag von Olaf Trenn

Darüber kannst du mal in deinem Radio reden, sagt mir mein Bruder, als wir in seinem Lieblingscafé zusammensitzen. Wir vergleichen gerade unsere aktuellen Playlists und bringen uns auf den neuesten Stand, welche der Songs unsere Favoriten sind. Sorry, bester Bruder, aber wer von denen, die Radio hören, soll sich bitteschön für unsere „Top Ten 2025“ interessieren?

Das meine ich doch gar nicht, sagt er und seufzt. Es geht um was anderes. Doch um dir das zu erklären, müsstest du morgen Abend Zeit haben. Dann zeige ich es dir. Wir verabreden uns für den nächsten Tag um 19 Uhr vor einer Toreinfahrt. Sie führt in einen alten Hinterhof mit Gewerbe-Etagen. Hinter einer Metalltür geht es eine Treppe hoch in den ersten Stock. Wir klopfen an und werden freundlich begrüßt. Wir dachten schon, heute kommt niemand, staunt die Frau, die uns öffnet. Kommt rein, bezahlen braucht ihr heute nicht – es sei denn, ihr wollt was trinken.

Wir gehen in einen kleinen Raum mit Tresen und drei Tischen, setzen uns auf zwei Barhocker. Ich warte drauf, was nun geschieht. Ein Freund meines Bruders setzt sich zu uns – Überraschung. Dann kommen noch zwei Männer und setzen sich dazu. Okay, sagen sie, und wir dachten, wir hätten jetzt Feierabend.

Wenig später geht’s in einen großen Raum mit kleiner Bühne: ein voll ausgestatteter Konzertsaal mit Mischpult, Lautsprecher- und Lichtanlage, Instrumenten und Zuschauerraum. Die Frau und die beiden Männer gehen zu Mikrofon und Instrumenten und spielen Americana. Ein richtig gutes Konzert – nur für uns drei. In der Pause sagt einer der Musiker: Normalerweise ist hier wesentlich mehr los. Da kostet es dann zehn Euro. Nur die, die dann mit uns Musik machen, zahlen nichts.

Auf dem Nachhauseweg bin ich beseelt. Und mein Bruder sagt: Darüber kannst du mal in deinem Radio reden. Überall gibt es Musik und Kunst. Nicht nur in den großen Konzert-Arenen, Theatern und Museen. Ob in Stadt oder Land, Hinterhof, Scheune, Ladengalerie, Kirche oder Kneipe – die Welt ist voller Melodien, Rhythmus, Gesang, Tanz und Malerei, Kleinkunst und Geselligkeit. Du brauchst halt nur jemanden, der dir das zeigt.

Gott ist mein Lied, das ich singe, heißt es im Gesangbuch der Bibel. Ja, du bist mein Lied. Warst es bereits schon vor dem ersten Klang und vor den ersten unbeholfenen Zeilen. Noch im Verklingen bist du mein Gesang.