Ein verschwommener Blick durch eine beschlagene Glasscheibe. Die Oberfläche ist mit kleinen Tropfen übersät, was eine mysteriöse Atmosphäre schafft. Im Hintergrund ist eine unscharfe Silhouette zu erkennen, die einen menschlichen Charakter andeutet.
15.08
2025
06:50
Uhr

Das Gesicht in der Scheibe

Ein Beitrag von Olaf Trenn

Darüber kannst du mal im Radio reden, sagt meine Freundin und fängt sofort an zu erzählen. Ihr Patensohn ist gerade 30 geworden, sie haben sich nach Jahren wiedergesehen. Im Café, am Nachmittag. Der Vorschlag war von ihm gekommen, der Vorschlag fürs Café auch. Nun sitzt sie in einer hippen Lokation mit lauter jungen Leuten und wartet gespannt. Ob sie ihn erkennen wird? Bei WhatsApp hat er ein Anzeigebild, aber das ist klein und unscharf. Ein Spiegelbild in einer verkratzten U-Bahnfensterscheibe. Soll wohl so.

Und ihre Gedanken gehen weit zurück. Da hat sie ihn als Winzling von Baby auf dem Arm. Schön war das gewesen und besonders. Voller Überzeugung hatte sie „Ja“ gesagt. Ja, sie wollte an seiner Seite sein, ihm in Glaubens- und allen anderen Dingen beistehen und ihm helfen, ein lebendiges Mitglied in der Kirche Jesu Christi zu bleiben. Sie hatte sich Merker in den Kalender gesetzt: Ein Kärtchen aus jedem Urlaub, ein Päckchen zu Weihnachten und zum Geburtstag und zur Konfirmation ein größeres Geschenk. Dann war der Kontakt irgendwie abgebrochen. So richtig entstanden war er ja nie. „Dankesbriefe“ von einem Kleinkind hatte sie nicht erwartet, und ein Jugendlicher hat andere Dinge im Kopf, als seiner Patentante zu schreiben. Dass er nun in derselben Stadt wie sie arbeitet, ist eine Überraschung.

Und da kommt auch schon ein junger Mann auf sie zu. Zwei Köpfe größer als sie, sie erkennt ihn sofort. Eine herzliche Umarmung, dann sitzen sie sich gegenüber. Gerührt und erleichtert – wie unkompliziert das ist. Da sitzt ihr Patenjunge, schaut sie interessiert an und erkundigt sich, wie es ihr geht, was sie so macht und wie sie mit der Arbeit klar kommt. Selbst, dass sie langsam auf den Ruhestand zugeht, hat er auf dem Radar. Ein zugewandter, junger Mann, der dann auch fröhlich aus seinem Leben erzählt. Verbundenheit ist zu spüren, und als sie die vorsichtig anspricht, schaut er sie groß an: „Du bist doch meine Patentante. Du warst immer da.“ – „Ob wir uns nicht zu wenig gesehen haben, ob es nicht hätte mehr sein müssen?“ – „Nein, ich fand es in Ordnung, dass du mich in Ruhe gelassen hast. Du warst da. Und bist es ja noch immer.“

So kann es gehen zwischen den Generationen, denkt meine Freundin laut. Die Älteren sind da, und die Jüngeren finden ihren Weg ins Leben. Und dann werden die Jüngeren sichtbar und laden die Älteren zum Kaffee ein.