„Wat summste denn schon wieder?“ Während ich mit meinem Laptop auf dem Balkon sitze und versuche Morgenandachten zu schreiben, lässt sich mein Nachbar vom Balkon nebenan hören.
„Wat summste denn schon wieder – fromme, alte Lieder?“ Er freut sich sehr über seinen Reim und mir fällt auf, dass ich wohl nicht nur getippt habe, sondern jenes Lied, um das es geht, auch vor mich hingesummt habe: „Lobet den Herren, alle, die ihn ehren…“
„Und?, hab ick recht?“, er lässt nicht locker. Also klapp ich den Laptop zu und erzähle ihm, dass es ein Morgenlied ist. Von einem Theologen aus dem 17. Jahrhundert, der den 30jährigen Krieg überstand, aber viel Not und Elend erlebte. Der spät geheiratet hat, 5 Kinder bekam. Der seine Frau dann früh verlor und auch 4 seiner 5 Kinder.
Mein Nachbar schweigt, es hat ihm wohl die Sprache verschlagen.
„Und denn hatt‘er son frommes Lied jeschrieben?“
Nicht nur eines, unzählige Lieder hat Paul Gerhardt damals geschrieben. Und wir singen die in unsern Kirchen bis heute.
„Na dit kann ick verstehn. Is ja schon beeindruckend. Also, wenn ick an Gott globen würde und denn passier ma so ne Dinge, ick weeß ja nich. Ob ick dit Gott verzeiehn könnte. Aber wenn dit wer kann, denn kann dit ja echt ne jutet Beispiel sein für andere, wa?“
Ich gebe zu, viel schöner hätte ich es gar nicht formulieren können. „Kannst ma ruhig zitieren, da in deine Texte!“ Mein Nachbar lacht und verschwindet mit seiner Kaffeetasse in seinem Wohnzimmer.
Werd ich tun, denke ich, klappe den Laptop wieder auf, tippe und summe weiter. Schließlich zitiere ich nicht nur den Nachbarn am heutigen Tag, sondern auch noch Strophe 9 von jenem Morgenlied, um das es schon die ganze Woche geht. Sie passt hervorragend zu diesem kleinen Balkondialog:
Richt unsre Herzen,
dass wir ja nicht scherzen / mit deinen Strafen,
sondern fromm zu werden / vor deiner Zukunft uns bemühn auf Erden.
Lobet den Herren!
Gott möge unser Herz immer wieder neu ausrichten. Weg von Gleichgültigkeit. Hin zu dem, was gut ist. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil wir ihm vertrauen.