Es gibt zwei Arten von Menschen im Sommer: Die einen tragen Sandalen mit orthopädischem Fußbett und drei Sicherheitsriemen. Die anderen ziehen die Schuhe aus und laufen barfuß durchs Leben – zumindest bis zum ersten Kieselstein. Ich gebe zu: Barfußlaufen hat etwas Befreiendes. Die Füße spüren den warmen Asphalt, das Gras oder den Sand. Man merkt plötzlich wieder, worauf man eigentlich unterwegs ist. Spätestens auf einem Schotterweg oder hier bei uns im Kiez wird klar: Wer barfuß geht, lebt näher an der Wirklichkeit.
In der Bibel begegnet Mose im brennenden Dornbusch Gott und der sagt zu ihm: „Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land.“ Eine merkwürdige Aufforderung. Erwartet hätte man vielleicht: Knie nieder und bete, aber nein, erstmal die Schuhe ausziehen.
Schuhe schaffen Abstand. Sie schützen und isolieren, sie verhindern, dass wir den Boden unmittelbar spüren. Wer die Schuhe auszieht, wird verletzlicher, aber auch aufmerksamer. Unsere Gesellschaft ist meisterhaft darin geworden, Abstand zu schaffen. Wir reden über Armut, ohne arme Menschen zu kennen. Wir diskutieren über Einsamkeit und scrollen durch Katastrophenmeldungen wie durch eine Playlist. Alles berührt uns – und irgendwie auch wieder nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, wir tragen nicht nur Schuhe an den Füßen, sondern auch ums Herz.
Jesus war da anders. Er ging mitten hinein ins Leben. Ungeschützt zu den Kranken, den Ausgestoßenen, den Gescheiterten. Er hielt Abstand für keine besonders christliche Tugend. Er ließ sich berühren und berührte andere. Selbst solche, die wir nicht mal mit Handschuhen anfassen würden. Er wusste: Wer die Welt verändern will, darf den Kontakt zu ihr nicht verlieren.
Barfuß leben – das könnte deshalb mehr sein als ein Sommervergnügen. Eine Haltung: Die Bereitschaft, die Wirklichkeit an sich heranzulassen, die Freude wahrzunehmen, aber auch den Schmerz der anderen. Nicht über den Dingen zu schweben, sondern mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen. Und dann los zu gehen, mit heiligem Land an den Füßen.