Ein runder bronzefarbener Medaillon mit dem Text "SCHWERTER ZU PFLUGSCHAREN" und einem stilisierten, kämpfenden Menschen, der ein Schwert in der Hand hebt. Unten steht "MICA 4:3".
06.07
2026
06:50
Uhr

Friedens Hetzer

Kreativer Widerstand

Ein Beitrag von Christoph Kießig

Es war kurz vor 12 in der Nacht, als es an der Tür klingelte. Meine Eltern holten mich aus dem Bett, ohne meinen Bruder zu wecken. Im Flur stand völlig aufgelöst mein bester Freund, der vor einem Jahr eine Lehre als Schriftsetzer angefangen hatte und mit dem Chef der Druckerei, in der er arbeitete, in Leipzig auf der Buchmesse sein sollte. Du musst die Buttons verschwinden lassen, waren seine ersten Worte und die Dringlichkeit seiner Stimme machte mir ein bisschen Angst.  

Die Angst, die ich in seinem Gesicht sah und die auf mich übersprang, hatte ihm in Leipzig die Stasi gemacht. In ein paar knappen Sätzen erzählte er mir, was passiert war. Beamte in Zivil hatten ihn aus der Menge gefischt und in einem Verhörraum stundenlang befragt und unter Druck gesetzt.  

Der Auslöser war ein Button, den er an seiner Jacke trug. Darauf stand rund um eine gezeichnete Friedenstaube: “Ich bin ein Friedens-Hetzer."  

Wir beide hatten, als die Aufnäher “Schwerter zu Pflugscharen” verboten wurden, angefangen Buttons selber zu basteln, denn so etwas gab es im Osten nicht und mein Freund hatte jetzt Zugriff auf Papier, Kleber und Schneidwerkzeuge. Unser erster selbst entworfener Button trug die Aufschrift “Schwertfische zu Flugenten” und erfreute sich großer Beliebtheit.  

Das, was lustig angefangen hatte, versetzte ihn jetzt in Panik. Er hatte den Stasi-Leuten letztlich alles gesagt. Woher die Button kamen, wer daran beteiligt war, wie viele es gab.  
Er war danach sofort nach Hause gefahren, kam gerade vom Bahnhof zu mir und bat mich, meine Buttons zu vernichten, falls die Stasi auch bei mir auftauchen würde.   

Ich habe ihn damals versteckt und war auch ein bisschen stolz auf unseren kreativen Widerstand gegen ein System, das seine Kinder im Wehrkundeunterricht auf einen Krieg vorbereitete.  

Heute höre ich in den Diskussionen die gleichen Schlagwörter: Ernstfall, Bedrohung, Verteidigungsbereitschaft, Wehrpflicht.  In unserer Nachbarschaft, im Wedding, soll eine Waffenfabrik gebaut werden. Nein, Ich will es mir nicht leicht machen, aber ich kann trotz aller guter Argumente und politischen Debatten, die ich sogar nachvollziehen kann, nicht anders. Ich bin und bleibe ein Friedens-Hetzer.