01.09
2025
06:50
Uhr

Du bist genug

Im August habe ich meine Verwandtschaft in der Nähe von Koblenz besucht. Mit nur 20 Minuten Verspätung kam ich am Koblenzer Hauptbahnhof an. Das "nur" meine ich nicht ironisch. Denn würde man von Berlin aus ein anderes Verkehrsmittel wählen, könnte man auch nicht auf 20 Minuten genau die Ankunftszeit vorhersagen.

Im Koblenzer Hauptbahnhof wurden alle Fahrgäste von Jugendlichen mit einem Glückskeks begrüßt. Auf der Verpackung stand: "Mein EinkaufsBahnhof. Immer für mich da." Außerdem waren die Worte aufgedruckt: "Denk positiv. Bleib positiv." Trotz Verspätungen, trotz vielleicht enttäuschter Hoffnungen und trotz des quirligen und unruhigen Lebens in einem Bahnhof voller Menschen.

Im Innern des Glückskeks befand sich der typische kleine Zettel. Auf ihm lese ich: "Du bist genug." Eine gute Botschaft! Denn ich spüre, dass es auf mich und auf jeden einzelnen Menschen ankommt. Und es erinnert mich daran, dass wir uns beispielsweise nicht so sehr leiten lassen sollen von dem, was andere über uns denken oder denken könnten. Ohne Klicks und Likes, die wir erhalten, sind wir genug. 

Auch wenn wir glauben, nicht genug zu haben von Intelligenz, Erfolg, Besitz. Ja vielleicht haben wir nicht genug, aber wir sind genug. Ich spüre, dass diese kurze Begegnung im Bahnhof wichtiger ist als 20 Minuten Verspätung. Etwas Besseres können sich Menschen bei einer Begegnung nicht sagen, als: „Du bist genug.“

Dieser Moment im Koblenzer Hauptbahnhof erinnert mich an einen Gedanken, den Papst Franziskus in seiner letzten Enzyklika geäußert hat. „Dilexit nos“ – zu Deutsch: „Er hat uns geliebt“ – heißt das Schreiben. Darin gibt sich der damalige Papst überzeugt, dass die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen zu Gott sowie die Liebe der Menschen untereinander voneinander abhängen. Es ist Gott, der Menschen immer wieder spüren lässt: „Du bist genug.“ Wer dies glaubt, kann es auch anderen Menschen zusagen, zum Beispiel in einem Hauptbahnhof. Gott sei Dank.