Drei Sofortbilder auf einem grünen Tisch. Links ein Esel, in der Mitte ein Kind mit Sonnenhut und hochgezogener Hand, rechts ein weiteres Kind in einem bunten Outfit mit frechem Gesichtsausdruck. Ein Stift und eine Tasse Kaffee sind teilweise sichtbar.
10.03
2026
06:50
Uhr

Durch den Spiegel der Erinnerung

Ein Beitrag von Franziska Frey

Ich habe mir Fotos aus meiner Kindheit angesehen. Ab und zu kommen meine Mutter und ich in nostalgische Stimmung, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin. Dann holt sie die geblümten Fotoalben aus dem Regal und wir blättern uns gemeinsam durch die Bilder von Sommern im Pool der Nachbarn, der in meiner Erinnerung größer war als auf dem Bild. Von Schneemännern auf der nur fleckig weißen Wiese. Oder von meinem Elternhaus, das sich heute anders anfühlt als damals, als das Bild aufgenommen wurde.

Der Autor Max Frisch beschreibt dieses Phänomen als einen Sturz durch den Spiegel. In den Bildern meiner Vergangenheit bekomme ich eine Wirklichkeit gespiegelt, die es so nicht mehr gibt oder noch wahrscheinlicher: die es so nie gegeben hat. Meine Erinnerungen täuschen mich. Hier und da wird etwas dazugelegt – hier und dort etwas verändert. Sie werden aufgewirbelt wie Staub und legen sich jedes Mal etwas anders zusammen.

Im Gottesdienst oder beim Eintauchen in biblische Geschichten ist das ähnlich: Ich erinnere mich dabei an Erfahrungen, die Menschen früher mit Gott gemacht haben, schon vor tausenden von Jahren. Die Bibel ist wie ein Fotoalbum, das aufgeschlagen wird. Und ich kann meine Erinnerungen und Erfahrungen dazu legen. Ich stürze durch den Spiegel. Tauche ein ins Früher und finde mich wieder darin wie ich heute bin. Ganz besonders geht mir das bei den Psalmen so. Sie finden Worte für das, was ich heute empfinde: Ich kann mit ihnen über schwere Zeiten klagen wie mit diesen Worten: Ich bin so müde vom Seufzen...

oder mich gesegnet fühlen und Gott loben mit meinem Lieblingspsalm: HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet[…]. (104,24) Der Spiegel der Erinnerung, den Max Frisch beschreibt, ist durchlässig. Man kann hindurch nach beiden Seiten.

Erinnerungen zeigen nie nur exakt, wie es war, sie machen spürbar, wer ich heute bin. Die Fotos aus den Alben meiner Kindheit verändern sich nicht, aber ich tue es. Und jedes Mal, wenn ich sie betrachte, erzählen sie mir etwas Neues über mich selbst.

Ich glaube, was einmal war, wird nicht nur vom geblümten Fotoalbum zusammengehalten, sondern auch von Gott. Und Leben geht weiter. Ich klappe das Fotoalbum wieder zu und beschließe auch für meine Tochter eines anzulegen.