Ein Hand hält ein breites, weißes Klebeband mit einem Muster aus grünen Blättern. Das Design zeigt eine Reihe von stilisierten Blättern entlang der Länge des Klebebands, das auf einem hellen Hintergrund liegt.
09.03
2026
06:50
Uhr

Neuanfänge

Ein Beitrag von Franziska Frey

Ich knibbel an einer Tesarolle und kann den Anfang nicht finden. Meine Finger fahren immer wieder über die glatte Oberfläche, drehen die Rolle hin und her, doch keine Chance. Es gibt scheinbar keinen Anfang und kein Ende. Meine Ungeduld wächst. Weg damit! Ich beginne in den Untiefen meines Schreibtischschranks nach einer neuen zu wühlen. Ich bin eigentlich geübt in Neuanfängen. Erst zu Beginn des Jahres habe ich meine neue Stelle als Pfarrerin auf dem Land angetreten. Alles ist neu und reizvoll: Aufgaben, Verantwortung, Gesichter, Gespräche, Erwartungen. Kein Tag gleicht dem anderen. Als wäre mein Leben die personifizierte Jahreslosung. Die stammt aus der Bibel und lautet so:

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu. (Offenbarung 21,5)

Aber doch bitte nicht alles, denke ich, während ich die zweite Schublade auf den Kopf stelle. Denn Neues ist ja nicht nur verheißungsvoll, sondern auch anstrengend. Seit meinem Umzug hat sich längst noch nicht alles an den richtigen Ort sortiert – weder in den Schränken noch in meinem Inneren. Manche Dinge fliegen da noch lose herum, andere weiß ich nicht einzuordnen. Anfänge brauchen offenbar mehr Zeit, als ich ihnen zugestehen möchte.

In der dritten Schublade stoße ich schließlich auf eine kleine Box, wie eine Schatzkiste. Sie quillt über vor Klebebändern aller Formen und Farben. Ein schönes Bild: Ich muss wohl doch nicht immer alles neu machen. Ich habe bereits Erfahrungen angesammelt, habe gelernt, bin gescheitert und habe wieder von vorn angefangen. Da ist Vieles in den Schubladen meines Lebens versteckt auf das ich zurückgreifen kann. Und noch etwas beruhigt mich: ich stehe nicht allein da. Das habe ich bei allem, das ich angefangen habe immer wieder erlebt, ich darf um Hilfe bitten. Denn genauso wichtig wie sich in seinem Leben immerwieder an Neuanfänge zu wagen ist es andere Menschen um Rat oder Beistand zu bitten wenn es mal hakt. Und laut der Jahreslosung scheint auch Gott ein Fan von Neuanfängen zu sein und steuert seinen Segen zum Neuen bei.

Ich schließe das Schubfach wieder, fahre noch einmal über die erste Rolle Klebeband, an der ich gerade noch gescheitert bin. Entspannter jetzt. Ein Versuch ohne Eile. Und zack, da ist der Anfang.

Manchmal reicht ein einziger ruhiger Moment, ein zweiter Anlauf, Vertrauen – und der Anfang ist schon gemacht.