18.11
2025
06:50
Uhr

Familienähnlichkeiten

Ein Beitrag von Rahel Rietzl

Meine Oma war groß darin, auf Familienfotos ungeahnte Ähnlichkeiten zu entdecken. 
Wenn wir gelegentlich nach dem Kaffeetrinken Fotos betrachtet haben, wurden sie um den Tisch gereicht. 
Ich erkannte darauf bestenfalls noch meine Cousinen oder den Ort, wo das Foto aufgenommen worden war. 
Von anderen am Tisch kam ein „Ach – schon so groß geworden“. 
Und meine Oma sagte entzückt: „Der sieht doch aus, wie der Max. Wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Sie erkannte, was wir anderen nicht sahen: 
ein Stück Familienähnlichkeit!


Dabei hielt sie das Foto auf Entfernung, schaute mal von der einen Seite, dann von der anderen. Als könnte sie hinter das Bild schauen. Manchmal kommentierte sie auch noch ein paar Details. „Augen, Mund, Nase, Ohren – genau wie der Max.“

Auch ich versuchte dann in dem Bild etwas zu entdecken. Ob mein Bruder doch ein bisschen, wie der Opa aussah, schaute vom einen zum anderen und konnte das nicht entdecken.

Ich selber mochte das nicht, wenn mich jemand so ansprach. „Mensch, bist du groß geworden. Ganz wie die Mama. Ihr seid euch so ähnlich.“ Das klang oft so fröhlich entzückt. Aber ich wollte doch lieber ich selber sein und meine Mama ist schließlich ein ganz anderer Mensch – dachte ich. Besonders als Teenager haben mich solche Kommentare gestört und irritiert.

Bis zu meinem eigenen Aha-Moment. Ich sah auf ein Bild von meinem eigenen Kind. 
Und musste zweimal hinschauen. War das mein Bruder? Nicht ganz – war er nicht. 
Aber auf dieser Aufnahme sah es fast so aus. 
Etwas im Ausdruck meines Kindes erinnerte mich an meinen Bruder – früher –, 
als er und ich klein waren. 
Und ich begriff, was meine Oma so oft gesehen und gemeint hatte.

Inzwischen weiß ich auch, warum ihr die Familienähnlichkeit so wichtig war. Sie sah darin die Verbindung mit denen, die früher da waren. Dass Menschen über Generationen verbunden sind und bleiben – auch, wenn sie nicht mehr da sind. Inzwischen habe ich auch etwas von ihr bei mir entdeckt. Das tut mir gut, – weil ihre Stimme heute fehlt und ich sie nur noch auf Fotos betrachten kann.