Auf dem Küchentisch steht eine Rose. Erinnerung an gestern. Volkstrauertag.
Da war ich als Pfarrerin unserer Gemeinde an verschiedenen Gedenkorten auf den Dörfern und in unserer Stadt. Mit dabei ein Strauß Rosen. Ich legte sie einzeln – neben Kränze mit Schleifen.
Die Weltkriege haben auch diese Gegend geprägt und ihre Spuren hinterlassen – bis heute.
Ich nehme mir Zeit für die Erinnerung im Monat November. Vor mir ein großes Holzkreuz. Um das Gräberfeld wiegen sich Bäume im Wind. Ich lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Die Grabsteine liegen parallel in Reihen geordnet. Darauf lese ich Namen, gehe ein Stück den Weg entlang. Manche Namen klingen wie die von Nachbarn oder die meiner Großeltern.
Deshalb stehe ich nun hier mit meinen Rosen.
Weil ich spüre: die große Geschichte hat irgendwie auch mit mir zu tun.
Obwohl meine Familie nicht aus dieser Stadt oder den Dörfern hier kommt, entdecke ich Vertrautes, in den Lebensgeschichten der Menschen, die hier begraben sind.
Die meisten Familien hier haben den 2. Weltkrieg erlebt.
– Sie waren keine besonderen Helden, Widerstandskämpfer oder Überflieger. –
Ganz normale Menschen eben: mit ihren Schwächen und Fehlern und Stärken.
Sie lebten in herausfordernden Zeiten.
Ich weiß nicht, wie ich mich damals bewährt hätte.
Oder ob ich mich hätte mitreißen, verführen lassen.
Wie mutig ich gewesen wäre. Wie klar in meinem Handeln.
Ich stehe da mit meinen Blumen auf dem Friedhof. Und spiegele mich in den Namen und Geschichten der Menschen, die hier begraben liegen.
Ich spüre eine Verbindung zu heute.
– Darum erinnern wir in unseren Kirchen an die Verstorbenen –
gestern besonders an die Opfer der Weltkriege, die sichtbare und unsichtbare Spuren hinterlassen haben in jedem Dorf, in jeder Stadt. Auch hier bei uns.
Erinnerung ist immer mit Zukunft verbunden.
Ich möchte diese Geschichte – im kleinen wie im Großen - nicht vergessen und etwas daraus lernen.
Deshalb trug ich eine der Rosen, die ich an den Gräbern gelassen habe, mit zu meinem Küchentisch.
Sie erinnert mich, dass wir miteinander verbunden sind – über Zeit und Ort hinweg.
Daran, dass jeder Mensch ein Teil im großen Weltgeschehen ist. Ich auch.