Eine junge Frau mit Brille sitzt vor einem Spiegel. Sie hat schulterlanges, braunes Haar und trägt einen karierten Mantel. Ihr Blick ist nachdenklich und ruhig. Im Hintergrund sind unscharfe Lichter zu sehen.
19.11
2025
06:50
Uhr

Spiegelbild

Ein Beitrag von Rahel Rietzl

Im November muss ich mir morgens Mut zusprechen: Morgens vor dem Spiegel – wenn ich mich kaum selbst erkenne – so blass und müde, dass es erst ein ermunterndes Zwinkern braucht.

Bin ich das tatsächlich? Oder wer schaut mich da an? – Plötzlich schaut mich noch jemand anders an. Ein vertrautes Gesicht – versteckt in meinem nur für einen Moment. Ich sehe ein Stück von meiner verstorbenen Großmutter in meinem Spiegelbild. Und kann nicht weitergehen. Will genauer hinschauen. Genau betrachte ich mein Spiegelbild. Mein Blick wandert von der Stirn über die Augen, bis zum Kinn. Gedanken schießen durch meinen Kopf, Erinnerungen. 
Wie kann das sein? Plötzlich sieht mich mein Spiegelbild nicht müde an und blass, sondern freundlich und gütig. Fremd und zugleich vertraut.

So oder ähnlich – vielleicht in ganz anderen Situationen – ist, 
was trauernde Menschen manchmal erleben, (selten aussprechen).

Sie suchen die Nähe, die sie vermissen und manchmal wird sie geschenkt.

Am jenem Morgen vor dem Spiegel höre ich die Stimme meiner Großmutter, als stünde sie neben mir: Wie oft hat sie so meine Augen betrachtet – Und dann sagte sie: „So schöne Augen hast du.“ 
Und jedes Mal ging die Sonne dabei für mich auf.

Doch wenige Monate nach ihrem Tod, ist es anders.

Ich sehe etwas von ihr in mir, ich höre ihre Stimme ganz nah – und es ist irgendwie unheimlich und traurig und trotzdem auch schön.

Das hat sie mir oft gesagt: „Du bist schön. So wie Gott dich gemacht hat.“ 
Jetzt ist ihre Stimme verstummt. Sie kann mir nicht mehr gegenübersitzen und in die Augen schauen. Es ist viel Trauer da und Sehnsucht an diesem Morgen im Bad vor dem Spiegel – aber auch ganz viel Dankbarkeit für die guten Worte, die sie mir mitgegeben hat.

Eine ganze Weile bleibe ich nur stehen und fühle mich mit ihr verbunden. Warm und freundlich fühlt es sich an. So wie ihre Worte damals zu mir. Und ich begreife, was die Worte aus der Bibel meinen: Liebe ist stärker als der Tod.

„So schöne Augen hast Du!“ zwinkere ich mir selber im Spiegelbild zu. Und mein Gesicht sieht gar nicht mehr so müde aus – so als hätte jemand die Sonne darin angeknipst.