Ein großer, brauner Plüschbär sitzt an einem gedeckten Tisch. Vor ihm stehen mehrere Schalen mit Essen und Obst. Der Tisch hat eine helle Tischdecke und ist in einer gemütlichen Umgebung dekoriert. Der Bär trägt eine schwarze Schürze mit weißen Punkten.
20.11
2025
06:50
Uhr

Teddy

Ein Beitrag von Rahel Rietzl

Bei uns sitzt heute ein Teddy mit am Frühstückstisch. Stumm und reglos. Ein Stofftier halt.

Gestern Abend war er noch erstaunlich lebendig. Als ich mit meiner kleinen Tochter gestern zusammensaß und vom vergangenen Tag erzählte, war das ganz anders.

Auf einmal drückte sie ihren Teddy ganz fest an sich und sagte: „Mama, wenn du stirbst, dann nehme ich den Teddy mit und drücke ihn ganz fest.“ – Mir bleibt die Luft weg. Was antwortet man als Mutter bei sowas? 
Schließlich sage ich: „Das ist eine gute Idee – dann nimmst du den Teddy mit. 
– Aber jetzt bin ich ja gerade hier.“

Da geht es uns Großen wahrscheinlich gar nicht so anders: Wenn es schwer wird, brauche ich jemanden zum Festhalten.

Als Pfarrerin bin ich auch so einem Teddy begegnet. Er gehörte einer Seniorin aus der Gemeinde.

Schon am Telefon hat sie mir von ihm erzählt. Morle war schon hochbetagt. Hatte Kindertage begleitet und war oft gedrückt worden. Dann verbrachte er einige Jahrzehnte auf einem Dachboden. Ein Zufall ergab, dass er wieder auftauchte. Die alte Dame ließ ihn aufarbeiten. Der Teddy war gealtert und das Kind von damals spürbar auch.

  • Morle bekam eine neue Nase, sein Arm wurde wieder angenäht.
  • Zerschmust blieb er trotzdem, hatte kaum noch Fell, aber ein freundliches Gesicht genau wie damals – so war er wieder zu seiner Freundin zurückgekommen.
  • Saß am Bettrand als treuer Freund und sah ihr zu, wie sie schwächer wurde mit ihren mehr als 90 Jahren. Und lag am Ende auch in ihrem Arm, als sie ihr Leben ausgeatmet hat.

Zuletzt hat er sie sogar zum Friedwald begleitet. War dabei, als wir sie beerdigt haben. Einen Moment musste ich schlucken, als ich den Teddy Morle wiedererkannte da am Grab. Und war zugleich gerührt und dankbar. Wie tröstlich, dass es ihn gibt. 
Er erzählt so viel vom Leben. Ohne Worte.

Mein Kind ist schon wieder ganz wo anders mit ihrem Teddy. Der ist noch jung wie sie und holt mich aus den Novembergedanken mitten zurück ins Leben, denn im Spiel fragt er gerade: „Wann feiern wir eigentlich meinen Geburtstag?“ So schnell geht das.