Das Bild zeigt eine rostige Handsäge mit einer gezackten Klinge und einem metallischen Griff. Die Säge ist auf einer Holzoberfläche platziert. Die Kombination aus Rost und Holz vermittelt einen Eindruck von Alter und Gebrauch.
17.12
2025
06:50
Uhr

Fluch und Sägen

Ein Beitrag von Olaf Trenn

Wie geht ihr eigentlich mit eurer Wut um,

fragt ein Freund beim abendlichen Stammtisch in die kleine Runde.

Wir anderen schauen uns irritiert an, Fragezeichen in den Augen.

Eben noch haben wir uns über Spielfilme, Fernsehserien 

und einen Kriminalroman unterhalten. Und nun?

 

Mein Vater fällt mir ein. 

Den habe ich während meiner Kindheit und Jugendzeit 

nur einmal im Jahr wütend erlebt, das aber mit großer Regelmäßigkeit.

Dann nämlich, wenn er am Morgen des 24. Dezembers 

auf dem Balkon unserer Mietwohnung alle Mühe hatte, 

den Weihnachtsbaum in den alten, gusseisernen Ständer zu bugsieren. 

Der passte da nämlich nie rein. Und das einzige Werkzeug, 

das meinem Vater zur Verfügung stand, war ein rostiger Fuchsschwanz, 

mit dem er wütend Stück um Stück vom Stamm absäbelte.

Mein Vater fluchte dabei herzerweichend. 

Gefühlt dauerte es eine Ewigkeit, bis der Baum aufrecht stand 

und ein Weihnachtstuch seinen malträtierten Stumpf kaschierte.

 

Es muss extrem befreiend für meinen Vater gewesen sein,

den Stress eines arbeitsamen Jahres am Verkanten einer stumpfen Säge, 

am Schwitzen und Fluchen auf dem Balkon und am Baum selbst auszulassen, 

um ihn anschließend liebevoll zu schmücken und zum Leuchten zu bringen.

 

Fluch und Segen liegen so dicht beieinander.

Eben noch bin ich laut geworden,

habe die Welt und ihre Tücken verdammt, 

weil, ja, weil immer ich der Gelackmeierte bin,

während die anderen mit wenigen geschickten Handgriffen 

ihre gerade gewachsenen Blautannen in den Spezialständer flutschen lassen.

 

Und doch kam gerade bei uns Festtagsstimmung auf, so als ob wir, 

mein Bruder, meine Mutter und ich uns gemeinsam mit meinem Vater 

und dem Baum durch die enge Balkontür ins Wohnzimmer zwängen mussten, 

damit es zur guten Stube, zum Weihnachtszimmer wurde.

 

Wie mein Freund auf die Frage mit der Wut komme, 

frage ich ihn in der Stammtischrunde.

Na, ich habe doch eben von dem Krimi erzählt, den ich gerade lese.

Meine Wut lasse ich in den Geschichten rund um Mord und Totschlag.

Da gehören sie nämlich hin – und nicht ins reale Leben.

Verblüfft hören wir das Bekenntnis des Freundes.

 

Und ich hänge in diesem Jahr eine rostige Säge in meinen Christbaum 

und verschenke ausschließlich Kriminalromane.