Meinem Kollegen berichte ich, was ich gerade so mache.
Ich schreibe kleine Radiotexte für die Woche vor Weihnachten.
Ob ich so etwas wie ein Thema habe, das sich durchzieht?
Irgendwie ja, sortiere ich mich. Es geht um merkwürdige Dinge,
die ich mir dieses Jahr in den Weihnachtsbaum hänge.
Und um Wut, Enttäuschung und eine Prise Hoffnung.
Was ich mit ‚merkwürdigen Dinge‘ meine, interessiert ihn.
Na, was anderes als gewöhnliche Christbaum-Kugeln und so‘n Zeug.
Sein Blick verfinstert sich:
‚Gewöhnliche Christbaum-Kugeln und so‘n Zeug‘,
wiederholt er empört und vielleicht sogar eine Spur wütend.
Dann hör‘ dir mal meine Geschichte an:
Meine Tochter war mit ihrer Klasse in einer Glasmanufaktur,
da, wo das Glas noch von Mund geblasen wird.
Und stell dir vor, die Klasse durfte das selber machen.
Meine Tochter hat mir das erklärt, begeistert sich mein Kollege:
Sie nahm flüssiges Glas auf eine Glasmacherpfeife auf,
formte es durch konstantes Blasen zu einem Hohlkörper
und brachte es mit Schablone, Zange und Schere in eine Form.
Und die Form, um die es meiner Tochter ging, war – eine Christbaumkugel.
Dann schenkte sie meiner Frau und mir ihr hauchzartes Kunstwerk.
Vorsichtig mit Zeitungspapier umwickelt in einer Schachtel.
Doch während der Bescherung rutscht die Kugel aus ihrer Verpackung
und landet nur ein ganz klein wenig zu unsanft auf dem Tisch – und bricht.
Es gibt ein paar Scherben und ein klaffendes Loch im Kugelrund.
Heiße Tränen fließen – längst nicht nur bei unserer Tochter. – Und dann?
Dann haben wir die Kugel in den Baum gehängt, erzählt mein Kollege.
Da hängt sie nun Jahr für Jahr. Und stell dir vor: Sie dreht sich
und zeigt mal ihre runde und mal ihre gebrochene Seite.
Wie passend – denk ich:
Ich lebe in einer gebrochenen Welt. Auch dieses Weihnachtsfest landet unsanft
inmitten von Kriegen, Fehden und Katastrophen. Die Welt und das Fest –
sie haben längst Risse, Brüche – und im Drehen doch auch eine heile Seite.
Ich hänge dieses Jahr, nein, keine zerbrochene Kugel in den Baum.
Die hängt ja schon in der Familie meines Kollegen.
Aber ich werde achtsam sein, falls etwas in meinem Leben zerbricht.
Und das hänge ich dann voller Liebe in meinen Weihnachtsbaum,
damit sich auch die andere Seite zeigen kann.