Zwei Hände halten ein Paar graue Handschuhe, während eine weitere Hand die Handschuhe greift. Die Szene vermittelt Wärme und Zugehörigkeit, mit einem Fokus auf die Verbindung zwischen den Händen und den Handschuhen.
16.12
2025
06:50
Uhr

Streets of London

Ein Beitrag von Olaf Trenn

“Have you seen the old girl who walks the streets of London”,

So beginnt die zweite Strophe des gleichnamigen Folksongs 

von Ralph McTell aus dem Jahr 1969. 

 

Die alte Lady unterwegs durch die Stadt.

Verwahrlost sieht sie aus und trägt ihre gesamte Habe 

in zwei Plastiktüten mit sich herum.

Sie wirkt ruhelos auf der Suche nach einer Bleibe und menschlichem Zuspruch.

In Großstädten wie Berlin oder London sind viele Menschen 

ohne Geld und Obdach unterwegs.

 

Als ich fünfzehn Jahre alt war, 

ist mir die alte Lady, von der Ralph McTell singt,

persönlich in den Londoner Straßen begegnet.

Mein Freund und ich waren mit Interrail unterwegs,

tourten mit der Bahn drei Wochen durch England und Schottland,

eine erste Reise ohne Eltern und ein großes Abenteuer.

Ich sprach kaum Englisch und radebrechte mich durch die notwendigen Smalltalks.

 

Da kommt mir diese alte Frau entgegen. Sie trägt bittere Gesichtszüge. 

Und ihre zerschlissene Kleidung schützt sie nur notdürftig 

gegen Kälte und Regen der Londoner Witterung.

Als sie näherkommt, bemerke ich, dass sie Probleme mit ihren Wollhandschuhen hat.

Anscheinend bekommt sie die nicht über ihre arthritischen Finger gezogen. 

Sie schimpft leise vor sich hin, bleibt vor mir stehen und sieht mich an.

 

Mühsam fummle ich die löcherigen Handschuhe über ihre Finger. 

Sie lässt es geschehen und keift dann etwas, dass sich für mich wie „Blessur“ anhört.

Mein Englisch und ihre Aussprache sind so schlecht, dass ich den Eindruck gewinne,

sie sei wütend auf mich, ich habe ihr wehgetan, und schon zieht sie verbittert davon.

Erst später und um ein paar Vokabeln klüger reime ich mir zusammen,

dass sie „God bless You.“ zu mir gesagt hat – Gott segne dich. 

 

Gottes Segen zu empfangen, 

bedeutet noch lange nicht, ihn gleich zu verstehen. 

Denn immer passiert etwas Unvorstellbares in solchem Segnen. 

Jemand bittet Gottes gute Wünsche auf mich herab, auch dann,

wenn ich damit zunächst schlicht überfordert bin.

Segen ist Liebe, die vom Himmel fließt. Unvorstellbar gut.

 

Diese Weihnachten hänge ich mir einen kaputten Handschuh in den Christbaum 

und stopfe ein heiles Paar, das ich nicht mehr benötige, in meinen Rucksack. 

Vielleicht kann es wem zum Segen werden.