Mit einem Sektglas in der Hand stehen wir letztes Jahr
im Weihnachtszimmer einer befreundeten Familie.
Immer wieder tritt einer von uns auf den schmucken Christbaum zu,
bückt sich ein wenig und betrachtet sorgfältig den angehängten Zierrat.
Manch eine von uns traut sich sogar, hinter den Baum zu schauen,
dort, wo es eigentlich nichts mehr zu bestaunen gibt. Was suchen wir da?
Neunzig Prozent der hier Feiernden kennen den Brauch gar nicht,
einen besonderen Anhänger im Baum zu verstecken,
obwohl viele behaupten, der käme aus Deutschland.
In einer Thüringer Farbglashütte wurden zwar seit Mitte des 19. Jahrhunderts
Glasornamente hergestellt, die Früchten und Nüssen nachgebildet waren,
doch ist die so genannte „Weihnachtsgurke“ eher ein Marketing-Trick
einer amerikanischen Großhandelskette, die diese frechen Früchtchen
gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ihr Sortiment aufnahmen.
Solche Weihnachtsgurken oder im Original „Christmas Pickels“
werden im Lichterbaum versteckt; und das Kind, das sie findet,
bekommt ein Extra-Geschenk oder soll im neuen Jahr eine Extra-Portion Glück haben.
Auf altes Brauchtum getrimmte Marketing-Geschichten sorgen für florierende Geschäfte selbst mit dunkelgrünen Gurken-Anhängern auf Märkten und in Kaufhäusern.
Darum ist die Adventszeit für den Handel auch keine ‚Saure-Gurken-Zeit‘.
Denn echte Gurken werden bereits im Herbst sauer eingelegt, -
eine Zeit, in der es damals nach der Ernte auf den Höfen
etwas ruhiger zuging und das Handwerk weniger Aufträge bekam.
Nur hat der Ausdruck ‚Saure-Gurken-Zeit‘ nichts mit sauren Gurken zu tun
sondern höchstwahrscheinlich mit dem Ausdruck „Zóres-Jokress-Zeit“.
Im Jiddischen bedeutet zores Not und jokress Teuerung.
Gemeint sind also in erster Linie Zeiten des Mangels und der Armut.
Not und Teuerung machen auch vor der Advents- und Weihnachtszeit keinen Halt.
Danach muss man nicht lange in den Zweigen des Christbaums suchen.
Endlos flattern Spendengesuche von Hilfsorganisationen in die Briefkästen.
An meinen Weihnachtsbaum hänge ich dieses Jahr eine Weihnachtsgurke
und lege den Gegenwert und – wenn’s geht – noch ein wenig mehr
in den Klingelbeutel für „Brot für die Welt“.