Zwei Musiker in einer U-Bahn: der eine spielt eine Handtrommel, während der andere ein Akkordeon spielt. Beide sind in Gedanken vertieft, und die Atmosphäre ist lebhaft und musikalisch. Im Hintergrund sind andere Fahrgäste zu sehen.
15.12
2025
06:50
Uhr

Oh, when the Saints

Ein Beitrag von Olaf Trenn

“Oh, when the saints go marching in…”

Ich kann das Lied nicht mehr hören. Der Gospelsong aus dem Jahr 1927 handelt von dem Wunsch religiöser Menschen,  am Ende der Welt zu den Auserwählten zu gehören,  die ins Himmelreich einziehen dürfen: 

Im Wortlaut: „Gott, am Jüngsten Tag, wenn Erzengel Gabriel seine Trompete spielt,dann will ich zur Schar der Heiligen gehören.“ Klingt so in Berlin:

Am Montagmorgen steige ich wie gewohnt in die S-Bahn. Ich humpele, weil ich mir einen Ermüdungsbruch zugezogen habe und einen ‚Vorderfuß-Entlastungsschuh‘ tragen muss. Zum Glück ergattere ich einen Sitzplatz. 

Wie so oft steigen ein paar Bahnhöfe weiter zwei Musiker ein. Sie ziehen ihren Hackenporsche mit Verstärker hinter sich herund beginnen auf dem blechern gesampelten Musik-Loop „Oh, when the saints…“ zu trompeten und zu singen.Viel zu laut, viel zu früh für die müden Mitreisenden auf dem Weg zur Arbeit. Alle blicken genervt aus dem Fenster, daddeln irritiert auf ihren Handys herum oder versuchen angestrengt, den Podcasts in ihren Kopfhörern zu lauschen. Zum Glück verlassen die lärmenden Musikanten am nächsten Halt den Waggon. Kaum jemand würdigt sie eines Blickes. Ihr Pappbecher bleibt leer.

Doch kaum sind die Krachmacher ausgestiegen, höre ich erneut Gesang und Begleitmusik – diesmal auf der Gitarre.  Ein Mann steht im Mittelgang und singt eher leise als laut. So, als spiele er nur für sich – unverstärkt, zart und beseelt. Seine Worte verstehe ich nicht – und bin doch berührt: Von seiner Reibeisen-Stimme und der klagenden Melodie. Schon nestle ich einen Euro hervor und denke: Das müssten doch jetzt alle hier tun – so gut ist der, so gut tut diese Musik. Ich bleibe nicht der Einzige, der gibt, und fühle mich im Geben beschenkt. Der Mann, der mir gegenübersitzt, gibt nichts, wirkt abweisend. Doch als er aussteigt, deutet er auf meinen Fuß und sagt: „Gute Besserung!“

In diesem Jahr hänge ich einen Pappbecher in meinen Weihnachtsbaum und stecke mir einen Euro in die rechte Tasche meiner Winterjacke. Man weiß ja nie, wann die Heiligen das nächste Mal vorbeiziehen.