Die Bibel kann manchmal richtig fies sein. Dachte ich früher als Kind bei der Geschichte von Mose, der, nachdem er das Volk Israel aus der Sklaverei 40 Jahre durch die Wüste führt, nun oben auf dem Berg steht und endlich das gelobte Land sieht – und dann, fast am Ziel seiner Wünsche, sagt Gott ihm: Hier. Ich zeige es Dir. Aber Du wirst selber nicht mehr hinkommen. Und genau so passiert es. Mose stirbt, ohne dort angekommen zu sein.
Manchmal gehen solche Geschichten anders aus. Da wird tatsächlich alles gut. Meine Geschichte geht so: Ich stehe im November an der Hand meines Vaters auf einem der Aussichtstürme am Brandenburger Turm. Westberliner Seite. Es ist kalt. Es ist gruselig: Die Mauer, das Niemandsland, die Kälte, das grelle Licht, die Grenzposten. Mein Vater erklärt, dass auf der anderen Seite Ostberlin liegt. Der andere Teil der Stadt. Und dass die Mauer sie teilt – so wie das Land. Und dann fällt dieser Satz, den ich nie vergessen werde. Mein Vater sagt: „Ich werde das nicht mehr erleben, dass die Mauer fällt, aber Du, Du wirst es erleben.“
Viele Jahre später ist es soweit. Ich bin Studentin in einer anderen Stadt. Ich wohne nicht mehr in Berlin. Aber meine Eltern. Ich kaufe mir abends ein Zugticket und fahre die Nacht quer durch das Land mit dem D-Zug nach Berlin. Ich komme gerädert an und überrasche die Eltern noch am Frühstückstisch. Es ist der 10. November 1989. Wenig später laufen mein Vater und ich Arm in Arm über die Glienicker Brücke nach Potsdam. Warum ich das erzähle?
Weil damals für mich als Westberliner Kind die andere Seite ein Sehnsuchtsort war. Und ich bis heute dankbar bin, dass ich in Westberlin lebe und im Ostteil arbeite und dass ich jederzeit ins Land Brandenburg fahren kann. Es kann anderswo noch so schön sein, wenn ich Kieferngeruch in der Nase habe, wenn die Wildgänse im Linumer Burch unterwegs sind und der Wind über den Unteruckersee bläst, fühle ich mich frei und zuhause. Es ist nicht alles gelobt im wiedervereinigten Deutschland. Weder hier noch da. Aber ich bin glücklich, dass unsere Geschichte anders ausgegangen ist: im Kleinen wie im Großen.