Ich weiß, die meisten von uns können es nicht mehr hören. Doch heute muss es trotzdem sein: Mein Beitrag zur Stadtbilddiskussion, die wie im schönsten Sommerloch mitten im Herbst die sozialen Kanäle und Nachrichtensender füllte. Sie sind ja sehr unterschiedlich, diese Bilder – meine Bilder von der Stadt, in der ich zuhause bin. Jeder, der hier wohnt, hat eigene. Meins ist dies: ein Kirchturm vor dem Fenster und die wunderschönen Bäume in meiner Straße, von denen Berlin so viele hat. Das ist mein Stadtbild. Zumindest eines davon. Auf dem Weg zur Arbeit verlasse ich die ruhige Wohngegend, fahre mit der Straßenbahn einmal quer bis über den Alexanderplatz – hier ist nix grün, nur Pflaster und Beton, Hochhäuser und Züge und: jede Menge Menschen. Unter der Brücke haben Obdachlose eine Unterkunft gebaut. Fast wie ein Wohnzimmer in Miniaturformat: eine umgekippte Holzpalette, eine Topfpflanze, Isomatte und Schlafsäcke und ein Hund auf einer Pappe – eine kleine LED-Lampe auch. Geduldet dieser Ort mitten in der Öffentlichkeit, die Polizeiwache direkt nebenan. Hier ist so ein Ort, der zur Stadtbilddebatte passt. Vieles ist nicht schön am Alexanderplatz: Der Lärm, der Dreck, die so sichtbare Obdachlosigkeit auch, der Geruch nach Alkohol und Urin am frühen Morgen – man geht automatisch schneller, den Blick auf den Boden gerichtet – und sieht dann doch das LED-Licht, es fällt wie durch einen kleinen Spalt in mein Herz und rührt es, macht es wärmer früh morgens an diesem grauen Ort im November. Die Stadt hat immer mehr als nur ein Gesicht, denke ich – genau wie wir Menschen. In der Bibel hat sie übrigens sogar ein künftiges Gesicht – in der Offenbarung des Johannes wird beschrieben, wie dieses Stadtbild der Zukunft aussehen wird: Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut… Und ich hörte eine … Stimme … die sprach: Sieh da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen … und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen … siehe, ich mache alles neu! Soweit die biblische Vision des künftigen Stadtbilds. Bis es soweit ist, braucht es dieses kleine LED-Licht und viele, viele andere, die wir füreinander anzünden.
Stadtbild
Ein Beitrag von
Barbara Manterfeld-Wormit