„Was ist das?“ Wer mit kleinen Kindern zusammenlebt, kennt sie, die nicht enden wollenden Fragen: Warum? Was hat die Frau da? Warum bettelt der Mann? Wieso ist das so? Fragen, über die man sich seit Jahren selber keine Gedanken mehr macht, weil es eben so ist. Ich habe mich dran gewöhnt, dass man höflich wegschaut, wenn einer im Gesicht entstellt ist durch eine Krankheit oder Verbrennung, dass die Stadt voller Bettler ist. Ich habe verdrängt, was Kinder schonungslos offen zur Sprache bringen: Warum muss die Oma sterben? Stirbst Du auch? Ich werde nicht mehr so häufig gefragt wie damals in der Schule. Darum fällt es Gott sei Dank nicht so auf, wenn ich nicht auf alles eine Antwort habe. Oft habe ich nicht einmal das Bedürfnis, genau zu wissen: Warum, weshalb, wieso? Der Regenbogen zum Beispiel, der neulich so wunderbar am Himmel stand. Das Kind wollte wissen: warum ist da so? Ja, äh, warum noch mal…
Dabei tut es gut, Dinge zu hinterfragen – auch die gewohnten, vermeintlich unabänderlichen. Gerade heute täte es gut, auch als Erwachsene immer wieder nachzufragen. Gestern zum Beispiel. Da fiel in einem harmlosen Gespräch unter Bekannten der Satz, man dürfe ja nicht mehr sagen, was man denkt. Ja tatsächlich? Ist das so? Warum, weshalb, wieso denkst Du das? Dranbleiben, nachfragen, nachhaken – auch wenn`s anstrengend ist, auch wenn`s nervt. Wahre Meister im Fragen und Antworten waren die Reformatoren – allen voran Martin Luther. Mit seinem kleinen und großen Katechismus hat er sich getraut, die ganz großen Dinge des Glaubens zu hinterfragen und dann auf den Punkt zu bringen – in Sesamstraßenmanier – mit der immer wiederkehrenden Frage, die kleine Kinder fragen: Was ist das?
Wer fragt, bleibt lebendig, bleibt in Beziehung. Zu Gott, zu meinem Partner, zu den Kindern und Enkeln, zu Lehrerinnen, Nachbarn und Kollegen. Wer fragt, wird klug. Und bleibt nicht allein.